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Nettetal: Nackte Apothekerin für 25 Cent

Nettetal : Nackte Apothekerin für 25 Cent

Annette Wahl griff gestern in Breyell zu einer ungewöhnlichen Form des Protests. Sie zog sich aus und legte sich als Fußabtreterin unter einen Teppich. Das sei der Umgang der Bundesregierung mit Apothekern im Land.

In drastischer Weise hat gestern die Apothekerin Annette Wahl in Breyell gegen die Honorarpläne der Bundesregierung demonstriert. Die Pharmazeutin legte aus Protest ihre Kleider ab, wickelte sich in einen Teppich ein und bot sich Kunden und Passanten als lebende Fußabtreterin an. So gehe die Regierung mit ihr und Kollegen um, erklärte sie.

Es geht um 25 Cent, die jeder Apotheker als "Geschenk" von der Bundesregierung pro verkaufter Arzneimittelpackung von den Krankenkassen bekommen soll. Deutschlandweit seien es 190 Millionen Euro. "Eine große Summe, könnte man denken", sagte Eduard Günther, ihr Chef in der Lamberti-Apotheke. In den vergangenen beiden Jahren hätten die Apotheker aber 800 Millionen Euro eingespart.

"Die Summe war so groß, dass viele Kollegen existenziell bedroht sind. Viele mussten schon schließen", klagte Günther. Die über 100 Krankenkassen schlössen ständig neue Rabattverträge mit den Kassen ab. "Von jeder Arzneimittelpackung bekommt die Krankenkasse 2,05 Cent — für nichts. Die Beratung über das Medikament machen wir", ereiferte sich Eduard Günther.

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Annette Wahl reicht es. "Wir mussten zu drastischeren Mitteln greifen", sagt die Apothekerin. Seit vier Jahren arbeitet sie in der Lamberti-Apotheke. Aus Protest zog sie sich gestern aus. "In außergewöhnlichen Zeiten muss man zu außergewöhnlichen Mitteln greifen", sagte sie. Mit ihrer Aktion unterstütze sie nachdrücklich die bundesweite Kampagne, die auf den desolaten Zustand der Branche und die existenziellen Gefahren von Apotheken aufmerksam mache.

"Wir beraten die Kunden, wir müssen ihnen erklären, warum die erforderlichen Medikamente auf einmal eine neue Verpackung und einen anderen Namen tragen. Wir sind Apotheker und keine Verwaltungsangestellten", sagt sie. Die Forderung der Apotheker bündelt sie in einem Satz: "Wir wollen mehr Geld." Es erzürnt sie, dass sie und ihre Kollegen die Arbeit machten, und die "Krankenkassen stecken sich das Geld dafür ein". Offen sagt sie, dass sie und die Mitarbeiterinnen Angst um ihre Arbeitsplätze hätten. Das sei in allen Apotheken der Fall.

Eduard Günther bestätigt, dass Annette Wahl nicht übertreibe. Er habe große Bedenken, dass seine oder andere Apotheken die Entwicklung überstünden. "Ich mache mir nicht nur um die Apotheke und die Mitarbeiter Sorgen, sondern auch um die Menschen, die bei einer möglichen Schließung weiter zur nächsten Apotheke fahren müssten." Günther sieht kopfschüttelnd der Aktion Annette Wahls zu. "Ich weiß nicht, wie lange ich meine Apotheke erhalten kann." F

(ivb)