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Nettetal: Mit spitzem Stift gezeichnet

Nettetal : Mit spitzem Stift gezeichnet

Cartoonistin Miriam Wurster nimmt sich mit scharfem Blick vieler unterschiedlicher Themen an — Alltägliches gehört ebenso dazu wie Politik. Warum witzige Freunde für ihre Arbeit unerlässlich sind.

Wenn der "Pathologe im Urlaub" im Pool plantscht, sehen die Sonnenbadenden auf der Liege für ihn aus wie seine Berufsleichen auf den Bahren. So sieht es die Cartoonistin Miriam Wurster. In der Rathausgalerie in Lobberich lässt sie ab heute die Besucher lachen, aber auch zusammenzucken.

Da ist der edle Ritter, der Rapunzel mit Hilfe ihres langen Haarzopfs zur Rettung eilt - und am Ende ihres Zopfes einen Einkaufszettel findet: "Eier, Öl, Erdnüsse." Was ist nur aus den männlichen Helden von Einst geworden? Da ist aber auch die Zeichnung, auf der angehende Journalisten in Reih' und Glied vor einem Erdogan-Bild niederknien und einer flüstert: "Mein Journalistikstudium hatte ich mir anders vorgestellt!"

Alltag, Frauen, Politik - das sind die Themenbereiche, die die 1964 in Hamburg geborene Cartoonistin den Nettetalern präsentiert. "Manche Ideen fallen einem zu, manchmal schnappe ich etwas in Gesprächen auf - witzige Freunde sind wichtig in diesem Metier", erzählt Miriam Wurster. Anlässe für Cartoons gibt es genügend - politische, gesellschaftliche und alltägliche. Die in diesen Monaten überall diskutierte Dieselproblematik animierte Wurster zu "Schockbildern auf Dieselautos". Da heißt es: "Dieselfahrzeuge verkürzen die Lebenszeit ihrer Mitmenschen", darunter sieht man ein Paar Füße mit dem Schildchen der Pathologie am Zeh.

 In einer ehemaligen Kartonagenfabrik findet Marion Wurster die Ideen für ihre pointierten Cartoons.
In einer ehemaligen Kartonagenfabrik findet Marion Wurster die Ideen für ihre pointierten Cartoons. Foto: Wurster

Für politische Cartoons, so Wurster, müsse sie erstmal viel lesen und recherchieren.

Ihre Cartoons treffen dann aber auch genau den Punkt - der auch wehtun kann. Denn Wurster nimmt nicht nur Politiker aufs Korn, auch dem normalen Bürger wird ein Spiegel vorgehalten, wenn zum Thema Flüchtende das ramponierte Boot dem Jumbojet fast ein bisschen vorgezogen wird.

Die überwiegend farbigen Cartoons sind detailliert mit Tusche gezeichnet und haben einen erzählerischen Charakter - auch ohne die prägnanten kleinen Texte ist ihre Intention nachvollziehbar.

Wurster hat Vorbilder: F.K. Wächter, Robert Gernhardt zum Beispiel, die Cartoons aus dem New Yorker und die aus Charlie Hebdo, sie seien "unerreicht provokant und witzig."

Der Besucher der Ausstellung sollte sich ein wenig Zeit nehmen und die Cartoons von Miriam Wurster genau betrachten und die kleinen Titel und Sprechblasentexte gut lesen. Es ist ja schon eine Tradition, dass die Nettetaler Kultur eine Ausstellung der Karikatur, dem Cartoon widmet. Miriam Wurster studierte an der Hochschule für Bildende Künste Illustration und Cartoon, seit 15 Jahren arbeitet sie als freie Cartoonistin und Illustratorin. Zahlreiche Ausstellungen und Preise begleiten ihren Weg: So stellte sie bei der Caricatura in Kassel aus und bekam Auszeichnungen beim Deutschen Preis für die politische Karikatur. Sie arbeitet als Cartoonistin unter anderem für Stern, Titanic, Charlie Hebdo, taz, Spiegel online.

Mit jedem Job lernt sie dazu. Zu ihrer Arbeit für Charlie Hebdo sagt sie: "Das ist sehr interessant, weil die Zeichner und Zeichnerinnen dort eine sehr eigene Art entwickelt haben und wir deutschen Zeichnerinnen anders geprägt sind. Irgendwo trifft man sich dann. Das finde ich sehr inspirierend."

Der Cartoon lebt, was den Kunstmarkt betrifft, in einem Schattenreich - aber er wird durch Zeitschriften bekannt. Gut, dass es Ausstellungen wie in Nettetal gibt, die diese kleinen, intensiven und aussagenkräftigen Bilder präsentieren.

(RP)