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Nettetal: Mit dem Einmarsch fielen Bomben

Nettetal : Mit dem Einmarsch fielen Bomben

Vor 75 Jahren griffen britische Flugzeuge die Innenstadt von Kaldenkirchen an. Unmittelbar zuvor war die Wehrmacht in die Niederlande einmarschiert. Bürger und Soldaten einer durchziehenden Kolonne wurden getötet und verletzt.

Plötzlich war der Krieg mit voller Wucht da. Am Pfingstsonntag des Jahres 1940 erlebte die kleine Grenzstadt Kaldenkirchen, dass der Überfall Deutschlands auf die Niederlande nicht folgenlos blieb. Britische Bomber griffen in der Nacht auf den Pfingstsonntag Kaldenkirchen an. Es gab Tote und Verletzte, viele Häuser wurden zerstört oder schwer beschädigt.

Willi Thelen war damals 17 Jahre alt. Er erinnert sich noch gut an die Ereignisse, die er zunächst unmittelbar gar nicht wahrgenommen hatte. Morgens um 6 Uhr klingelte es an der Haustür der Familie Thelen. Ein Vertreter der Stadtwerke stand dort: "Kommen Sie mit allen zur Verfügung stehenden Fuhrwerken zur Kehrstraße, um aufzuräumen." Drei Pferdegespanne wurden fertiggemacht und fuhren zur Kehrstraße. Dort bot sich Willi Thelen "ein schrecklicher Anblick. Die Toten hatte man schon weggeschafft. Aber die Pferdekadaver, es waren etwa zwanzig, lagen noch dort. Wir brauchten anschließend mehrere Wochen, um alles wegzubefördern". Die Erinnerung ist auch heute noch frisch. "Mein Vater war beim Bombenangriff mit einem jungen, Militärarzt zusammen. Er machte gerade sein Praktikum. Dazu kam die Nonne Alodia, die er nach dem Ersten Weltkrieg aus einem Lazarett in Ostpreußen mit an den Niederrhein gebracht hatte. Er war Chirurg im St.-Clemens-Hospital und hat im Tag-und-Nacht-Einsatz vielen Bürgern das Leben gerettet."

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Emil Becker beschrieb die schrecklichen Ereignisse vor 75 Jahren unter anderem im Heimatbuch des Kreises. Als die Wehrmacht überfallartig in die Niederlande einfiel, wurde in Venlo die Maasbrücke gesprengt. "Nachdem die 30. Infanteriedivision wenige Stunden nach Angriffsbeginn den Raum ihrer Winterquartiere verlassen hatte, bewegten sich in den folgenden Stunden und Tagen Truppeneinheiten durch die Stadt in Richtung Grenze. Am späten Abend und in der Nacht des Samstags marschierten in breiter Front Einheiten der 216. Infanteriedivision mit ihren Fahrzeugen von Breyell her durch die Kehr-, Hoch- und Steyler Straße. Trotz der späten Stunden standen viele Schaulustige an den Straßenrändern und den Fenstern der Häuser, um sich das militärische Schauspiel anzusehen. Kurz nach Mitternacht waren Flugzeuggeräusche zu hören, um 0.10 Uhr am Pfingstsonntag erstrahlte plötzlich das Stadtgebiet in hellem Licht einiger Leuchtbomben - schon schlugen Sprengbomben in Häuser und Hinterhöfe der Kehrstraße ein... Überall lagen tote und verwundete Soldaten und Zivilisten auf der Straße. Auch in den Häusern waren Menschen getötet oder verwundet worden. Zerfetzte Pferde, zerschlagene Fahrzeuge, Trümmer der zerborstenen Häuser - ein Bild des Grauens."

Wilhelm Thoenißen (* 4. November 1904, + 31. Juli 1997) verfasste einen ausführlichen Bericht: "Am frühen Pfingstmorgen wurde ich geweckt und von Bürgermeister Dr. Pauw beauftragt, von den Zerstörungen eindrucksvolle Aufnahmen zu machen. Das Geschäftsgebäude an der Ecke Kehr-/Schulstraße (heute Grenzwaldstraße), - früher Grunewald, heute Commerzbank -, war weitgehend zerstört...Menschenleben von Kaldenkirchenern waren zu beklagen, ebenfalls von den Wehrmachtseinheiten." Dem Amtsgericht in Lobberich wurde angezeigt, dass bei dem Fliegerangriff die Eheleute August und Anna Maria Drießen starben. Ihre Töchter Gertrud Croonenberg und Christine Nothen hatten die zerfetzten Körper ihrer Eltern ansehen müssen. Sie berichteten vor etwa 20 Jahren: "Keiner hat in der Nacht Schlimmeres erlebt als wir. Ein solches Gefühl wird niemals hart, es bleibt ewig weich und tut immer wieder weh." Es starben außerdem Kurt Heinrich Peters, Peter Wolters, Wilhelm Johann Dreeßen, Frieda Zimmer, Katharina Linne von Berg und am 13. Mai im Krankenhaus Horst Jongmanns.

Die Besatzungen zweier britischer Blenheim-Bomber, die bei reimns in Nordfrankreich aufgestiegen waren, hatten einen durch Kaldenkirchen ziehenden Militärkonvoi entdeckt und ihn direkt angegriffen. Emil Becker berichtet, dass neun Kaldenkirchener Bürger bei dem Angriff starben. Entsetzlich war die Wirkung auf die Wehrmacht-Kolonne. 180 Soldaten starben oder wurden schwer verwundet. Im September 1941, also mehr als ein Jahr später, gab Bürgermeister Pauw an, es seien 13 Menschen gestorben, und es habe 14 Schwerverletzte gegeben.

Der Angriff hatte Kaldenkirchen vollkommen unvermittelt getroffen, auch wenn unmittelbar vorher der Überfall auf die Niederlande stattgefunden hatte. Erstens entdeckten die Briten eher zufällig die durch die Stadt ziehende Wehrmachts-Kolonne, zweitens war die Stadt wegen unmittelbaren ihrer Grenznähe von vornherein nicht an eine Warnzentrale angeschlossen worden. Professor Dr. Leo Peters schreibt in der Stadtgeschichte: "Mit furchtbarer Unmittelbarkeit war der Krieg völlig überraschend in die Grenzstadt gekommen."

(sa)