Lobberich: New Orleans im Seerosensaal

Lobberich : New Orleans im Seerosensaal

Die Barrelhouse Jazzband und ihre Gäste Tricia Boutté, Jason Marsalis, Malo Mazurié und Marek Michalak boten drei Stunden klassischen Jazz vom Feinsten.

„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, da hat man Spaß daran“, sang einst Udo Jürgens. 66 Jahre lang gibt es auch die hessische Barrelhouse Jazzband, die am Mittwochabend im Lobbericher Seerosensaal mit einer Jazzgala auftrat. Die sieben Musiker fangen aber nicht an, sondern können auf eine erfolgreiche Tourneegeschichte in aller Welt zurückblicken. Und wer weiß, so wie die Band ihrem Auftritt bei der Internationalen Jazzwoche im Schwarzwald den Song „Autumn in Burghausen“ widmete, wird es vielleicht auch bald einen Seerosensaal-Blues geben.

Die Band aus drei Bläsern und einer Vierer-Rhythmusgruppe versteht sich als Erbe des traditionellen Jazz, wie er im alten New Orleans gespielt wird. Gemeint ist damit die ausdrucksstarke Musik überwiegend schwarzer Musiker des klassischen Jazz und frühen Swing. Dass sie das drauf haben, beweist allein schon die Tatsache, dass sie nach einem Auftritt in New Orleans zu „Ehrenbürgern“ erklärt wurden.

Leiter der Band ist der 79-jährige Klarinettist Reimer von Essen, Trompeter und Posaunist Horst Schwarz ist 80, ebenso wie Saxophonist Frank Selten, der schon 1961 zur Barrelhouse Jazzband kam. Im ersten Teil des Konzertes stellten sie auch Songs aus ihrer neuen CD zum 66. vor. Ihr Titel ist „Jetzt erst recht“. 190 Zuhörer folgten dieser besonderen Jazzgala im Seerosensaal – obwohl ein Kneipensaal passender gewesen wäre. Denn „Barrelhouse Jazz“ meint die Musik, die in den einfachen Kneipen der Afroamerikaner im Süden gespielt wurde, dort, wo der Schnaps direkt aus den Fässern (Barrels) ausgeschenkt wurde. Der Pianist muss laut gegen den Kneipenlärm anspielen. In New Orleans herrscht in den alten Vierteln eine unbändige Feierlaune – kein Vergleich zur aufgeräumten Konzertatmosphäre in Lobberich.

Ein wenig Feuer von dieser Feierlaune brachte der erste Gast mit: die Sängerin Tricia Boutté, die in New Orleans aufwuchs. Mit unglaublicher Präsenz, Witz und Charme hatte sie das Publikum ganz schnell für sich eingenommen. Drei weitere Gäste kamen im Laufe des langen Abends hinzu. Der junge französische Jazztrompeter Malo Mazurié ließ aufhorchen. Sein virtuoses Spiel machte Lust auf mehr. Auch Marek Michalak aus dem polnischen Jazz-Zentrum Krakau faszinierte mit seinem Spiel auf der Posaune.

Auch aus New Orleans stammt Jason Marsalis. Seine Art, ein Solo auf dem Schlagzeug zu spielen, war erfrischend anders. Am Vibraphon sorgte er für eine neue Klangfarbe an diesem Abend. Er und Malo waren übrigens die einzigen im Anzug mit Schlips.

Begleitet wurden alle Gäste von der Frau am Bass, Lindy Huppertsberg, und dem Pianisten Christof Sänger, beide exzellente Musiker, die glänzende Soli ablieferten. Als Barrelhouse Jazzband sind die sieben Musiker bestens aufeinander eingespielt. Bei allem klassischen Jazz überraschte die Band auch mit einem Sprung über den Atlantik nach England. Sie stellten ihre Version vom Paul McCartneys Beatles-Song „Let it be“ vor. Dabei spielte Frank Selten hörens- wie sehenswert auf dem Baritonsaxophon.

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