Lobberich: Generalmusikdirekor Michael Grosse liest Thomas Mann

Michael Grosse liest Thomas Mann : Felix Krull als Ein-Mann-Schauspiel

Intendant Michael Grosse faszinierte auch als Gedächtnis-Akrobat.

Auf den ersten Blick wirken Thomas Manns humorvoll-ironische „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ wie von leichter Hand geschrieben. Erfährt man aber Näheres über die Entstehungsgeschichte, so wird schnell klar, dass der geniale Autor es sich gerade mit diesem Roman nicht einfach gemacht hat.

Deshalb war es gut, dass der Lions Club Nettetal an den Beginn seines Thomas-Mann-Abends in der Alten Kirche zunächst einmal eine fachkundige Einführung setzte, die die Hintergründe des Romans verdeutlichte. Nach einem kompetenten Referenten musste man nicht lange suchen, denn den gibt es vor Ort: Der Lobbericher Buchhändler Hans K. Matussek, ein überregional anerkannter Thomas-Mann-Experte, verwies auf den langen Zeitraum der Entstehung. Der zog sich über ein halbes Jahrhundert hin. Um 1904 hatte Thomas Mann die Materialsammlung für dieses Werk abgeschlossen, unterbrach dann aber die Arbeit daran. Er schrieb erst andere große Werke der Weltliteratur wie den Zauberberg, Joseph und seine Brüder und den Dr. Faustus. Erst ein halbes Jahrhundert später nahm er die Arbeit an seinem Schelmenroman wieder auf. Felix Krull erschien 1954. Die Unterlagen waren auch während der schwierigen Zeit der Emigration nicht verloren gegangen.

Zum Erlebnis wurde der Vortrag des Originaltextes durch Michael Grosse. Hätte der Generalintendant des Theaters Krefeld/Mönchengladbach seine lebendige Rezitation lediglich vorgelesen, wäre es bereits eine achtenswerte schauspielerische Leistung gewesen. Aber Grosse faszinierte darüber hinaus mit einer erstaunlichen Gedächtnisleistung. Auswendig trug er den Romantext vom Beginn bis zu der köstlichen Schilderung der Musterung vor.

Da der Roman in der Ich-Form geschrieben ist, wirkte der Vortrag sehr authentisch, eben wie ein persönlicher Bericht. Großartig gelangen Michael Grosse vor allem die Dialogszenen, wenn, wie bei der Musterung, mehrere Personen im Ein-Mann-Schauspiel dargestellt wurden.