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Kriegsende im Kreis Viersen - Tränen der Trauer, der Sorge und der Dankbarkeit

Kriegsende in Nettetal : Tränen der Trauer, der Sorge und der Dankbarkeit

Vielerorts am Niederrhein berichten Zeitgenossen von inbrünstig gefeierten Gottesdiensten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945.

Wie allenthalben hatte die Erleichterung über das Kriegsende eine starke kirchlich-religiöse Dimension. Dankbarkeit, noch einmal davon gekommen zu sein, und die Genugtuung, von einem antichristlichen nationalsozialistischen Regime befreit zu sein, fanden vielfachen Ausdruck in der Gefühlslage der Menschen.

Vielerorts am Niederrhein berichten die Zeitgenossen von inbrünstig gefeierten Gottesdiensten. Was die bekannten Fotos von der ersten Fronleichnamsprozession durch das in Trümmern liegende Köln 1945 ausdrückten, war in kleinerem Maßstab auch in den Städten und Dörfern des Kreises zu spüren. Kaldenkirchen ist hier nur ein Beispiel für andere Orte. Ein als zuverlässig geltender Bericht schildert die Situation 14 Tage vor Ostern so: „Als am Samstag vor dem Passionssonntag die Schwester von Kaplan Schipperges einlud zur ersten hl. Messe am Passionssonntag, da blieb keiner zurück. Selten hatte die St.-Clemens-Kirche soviel Tränen gesehen, wie während dieser hl. Messe.“

Freilich waren es nicht nur Tränen der Dankbarkeit. Es waren auch Tränen der Trauer und der Sorge. Über 350 Kriegstote hatte Kaldenkirchen zu beklagen. Und auch drei Jahre später wurden nach einer amtlichen Auflistung noch 162 Einwohner vermisst, noch 73 waren in Kriegsgefangenschaft (52 in der Sowjetunion, zehn in Frankreich, sechs in Polen, zwei in Jugoslawien, drei in Ägypten).

Und das war nicht alles: In dem von seinen angestammten Bewohnern verlassenen Ort war gehörig geplündert worden. „Displaced persons“ gab es in großer Zahl. Rund 900 russische Kriegsgefangene und polnische Zwangsarbeiter hielten sich 1945 in Kaldenkirchen auf. Die Versorgungsprobleme für die nach und nach zurückkehrenden Einwohner waren immens. Ein Beispiel für viele: Die Bäume der Breyeller Straße (heute Kölner Straße) wurden gefällt und als Brennholz ausgegeben. In Kaldenkirchen wurde ein Rückwandererbüro eingerichtet.

Aber schon unmittelbar nach dem Einmarsch bemühten sich die Amerikaner in Verbindung mit politisch unbelasteten Persönlichkeiten des Ortes, Ruhe in die unübersichtliche Lage zu bringen. Im oben zitierten Bericht heißt es dazu: „Eine Militärregierungs-Abteilung übernahm am 3. März die örtliche Leitung und schlug ihr Quartier im Hause Küppers, Friedrichstraße, auf. Frau Josefine Kückemanns, von der man wusste, dass sie in Süchteln evakuiert sei, wurde zurückgerufen und erhielt für Monate den Posten der Dolmetscherin.

Schon Mitte März 1945 übernahmen Lambert Maassen (Anmerkung des Verfassers: der spätere Landrat), sein Schwager Gottlieb van Essen und Gottlieb Assenheimer die Verantwortung in der Stadt – soweit das möglich war. Sie versuchten das Leben zu normalisieren und wenigstens die Versorgung sicherzustellen.“

Ein wesentlicher Schritt zur Beruhigung der Verhältnisse bestand in der Einsetzung des Polizeikommissars Dahlen als Bürgermeister durch die Besatzung.

Kaldenkirchen steht hier, wie schon angedeutet, nur als ein Beispielfall für die Verhältnisse in vielen anderen Orten, wenngleich die Grenznähe dort für manche Besonderheit sorgte.