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Nettetal: Kinderleben endete im Ghetto

Nettetal : Kinderleben endete im Ghetto

Am 14. Mai wäre Hedi Lion 80 Jahre alt geworden. Die 1932 in Kaldenkirchen geborene Jüdin wurde 1938 nach Riga deportiert und dort verschleppt. Ihre Mutter Elsa überlebt als einzige und berichtete 1989 von ihren Erlebnissen.

"Wir kommen von der Arbeit zurück, da war das Ghetto ausgeräumt von Kindern und alten Leuten, und ich habe meine Hedi nicht mehr gesehen. Auch Lina Harf und ihre Ruth waren dabei. Verschwunden, ohne dass ich wusste, wo sie geblieben sind. Ich war verzweifelt ..." Else Heymann, verwitwete Lion, erzählte dies 1989 in Wiesbaden, als sie 80 Jahre alt wurde. Hedi, wie sie ihre Tochter Hedwig nannte, geboren in Kaldenkirchen, wäre am 14. Mai dieses Jahres 80 Jahre alt geworden.

Anfang des Jahres wurde auf Anregung der Gesamtschule unter anderem ein "Stolperstein" für sie und ihren Vater an der Fährstraße, wo Familie Lion einst wohnte, in den Bürgersteig eingesetzt. Verbunden wurde dies mit einer Gedenkstunde.

Hedi war das einzige Kind

Die Eltern Max und Else Lion, geboren Jaffé, heirateten 1931 in Aachen. Nach der Hochzeit zogen die Eheleute in das Haus Ecke Venloer/Fährstraße, wo sie ein Manufakturwarengeschäft betrieben. Tochter Hedi wurde als einziges Kind am 14. Mai 1932 in Kaldenkirchen geboren. Ihre Mutter erzählte, wie nett Hebamme Christine Moonen und die St.-Clemens-Ordensschwestern im Hospital gewesen seien. Hedi besuchte mit vier Jahren den Kindergarten Brigittenheim, ehe sie im April 1938 in die evangelische Volksschule kam, später aber zur jüdische Schule in Mönchengladbach musste.

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Doch das war noch das harmloseste Ereignis jenes Jahres: Nach der Pogromnacht am 9. November 1938 veränderte sich auch das jüdische Leben in Kaldenkirchen. Zumindest die jüdische Gemeinde hörte auf zu existieren, denn einen Tag nach dem Pogrom wurde auch die Synagoge in Kaldenkirchen zerstört, und Anhänger der Nazis vergriffen sich an Juden. Doch nicht alle waren Nazis, so habe es auch Bürger gegeben, die die Familie mit Lebensmitteln versorgt hätten, berichtet Else Heymann.

Die Kaldenkirchenerin Ursula Maaßen (76) erinnert sich, dass sie Hedi vom Kindergarten nach Hause begleitete und sie auf dem Hof spielten. Tage später wurde ihr klar gemacht, sie solle nicht mit ihr spielen, was sie damals aber nicht verstand. Thea Elsheimer spielte häufig mit Hedi, sie habe nie feststellen können, dass es Vorbehalte gegen Hedi gab. Martin Scholten (75) erinnert sich an die sehr freundliche Mutter von Hedi: Von ihr hätten sie stets leckere Bonbons erhalten.

Am 11. September 1941 Dezember wurden die Lions in den Osten deportiert. Erst wurden sie in einen Schlachthof nach Düsseldorf gebracht und von dort weiter in verschlossenen Waggons nach Riga. "Wir wurden wie Tiere aus dem Waggon geholt und ins Ghetto gebracht. Von da an fing das Schlimmste an, was ich erlebt habe", erzählte Else Heymann. Nach ihren Erinnerungen wurde ihre Tochter Hedi am 2. November 1943 verschleppt.

(RP/rl)