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Kreis Viersen: Keine Zeit mehr für den Verein?

Kreis Viersen : Keine Zeit mehr für den Verein?

Die Sportvereine im Kreis Viersen mussten in den vergangenen Jahren zwar nur einen leichten Mitgliederrückgang verzeichnen. Dennoch fürchten sie schon jetzt die Folgen des demografischen Wandels.

Auf den ersten Blick sehen die Zahlen beunruhigend aus: Innerhalb der vergangenen zwölf Jahre sind mehr als 3500 Mitglieder im Kreis Viersen aus ihrem Sportverein ausgeschieden. Kein Grund zur Panik, findet jedoch Heinz-Willi Schmitz, Geschäftsführer des Kreis-Sport-Bundes (KSB) Viersen: "Dramatisch ist die Situation im Moment nicht, wir müssen noch keine Angst haben." Was er meint: Im Jahr 2012 waren mehr als 26 Prozent der Einwohner in einem der rund 300 Sportvereine im Kreis angemeldet. Das sind etwa zwei Prozent weniger als noch vor zwölf Jahren. Keine gravierende Entwicklung. "Das liegt wohl daran, dass wir schon einige Maßnahmen unternommen haben, um einem Schwund entgegenzuwirken. Wir haben beispielsweise immer weiter für Mitgliedschaften geworben oder mit attraktiven Veranstaltungen Leute gehalten", sagt Schmitz.

Dennoch blicken einige Vereine schon jetzt mit Sorge auf den demografischen Wandel. Man muss gewappnet sein, wenn die Mitglieder immer älter werden und gleichzeitig wenig junger Nachwuchs folgt. "Es gibt weniger Geburten in Deutschland, somit auch weniger Schüler und de facto später auch weniger Vereinsmitglieder. Manche Vereine planen schon jetzt ohne B- oder C-Jugend", sagt Schmitz: "Wenn wir jetzt nicht etwas tun, wird sich das irgendwann negativ auswirken."

In der heutigen Zeit keine leichte Aufgabe, denn viele Menschen möchten flexibel sein und sich nicht nach den vorgegebenen Trainingszeiten eines Vereins richten müssen. "Die Leute wollen zum Sport gehen, wann sie mögen, und sich nicht fest an eine Zeit binden", sagt Schmitz. Nicht zuletzt liege das an den immer weiter wachsenden schulischen Verpflichtungen und längeren Arbeitszeiten. Berufstätigen und Schülern fehle häufig die Zeit, um am Nachmittag oder in den frühen Abendstunden am Vereinsleben teilzunehmen. Nicht wenige entscheiden sich deshalb für die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio, wo sie zum Teil rund um die Uhr trainieren können.

"Hier wäre es schön, wenn wir vor allem stärker mit den Schulen und Kindergärten kooperieren könnten. Wenn beispielsweise im Anschluss an den Unterricht direkt der Vereinssport beginnen würde, gerne auch mit professionellen Sportlehrern", sagt Schmitz. Es klingt ein wenig so, als denke man beim KSB über eine Anpassung an das Modell der amerikanischen Highschool nach. Dort ist es üblich, dass die Schüler am Nachmittag für Sporttraining und Wettkämpfe in der Schule bleiben. Sie werden von Lehrern in Sportarten wie Leichtathletik, Basketball oder Tennis trainiert.

Ohnehin wird das Thema Betreuer, Trainer und Funktionsträger immer mehr zum Problem. Bislang arbeiten die meisten als ehrenamtliche Helfer, bekommen für ihre Arbeit kein Geld. "Das lässt sich bald so nicht mehr lösen", sagt Schmitz. Die Aufgaben in den Vereinen werden immer anspruchsvoller und zeitaufwendiger, das können Einzelne kaum noch leisten. Viele Mitarbeiter würden sich deshalb oft nur in einzelnen Projekten engagieren, statt dauerhaft feste Aufgaben zu übernehmen.

Was ältere Mitglieder angeht, müsse das Trainingsangebot angepasst werden. Es ist die logische Folge des demografischen Wandels: weniger junge, immer mehr ältere Sportler. Mit dem im vergangenen Oktober gestarteten Programm "Bewegt älter werden im Kreis Viersen" sollen die Angebote für die älteren Bürger ausgeweitet werden. "Wir sind da am Anfang der Umsetzung, aber zuversichtlich", sagt Schmitz.

Ein Mitgliederrückgang muss darüber hinaus nicht notwendigerweise bedeuten, dass die Bürger den Vereinen den Rücken kehren. Häufig gibt es auch Kursangebote, an denen Nichtmitglieder gegen Gebühr teilnehmen können. So sind sie ungebunden, tauchen aber in der Statistik des KSB nicht auf. Auf der anderen Seite brauchen die Vereine zahlungskräftige Mitglieder: Nur so lasse sich längerfristig investieren, insbesondere um die teils teuren Sportanlagen zu unterhalten. Für Schmitz zählt aber auch der soziale Aspekt: "Sport ist im Verein am Schönsten. Nur hier knüpft man schnell Kontakte. Das schafft man in der Muckibude sicherlich nicht, denn da ist jeder für sich allein." FRAGE DES TAGES

(RP)