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Katja Oemmelen aus Nettetal-Lobberich ist gelähmt und fotografiert via Spracherkennung

Lobberich : Die außergewöhnlichen Fotos der Katja Oemmelen

Dass die 38-Jährige ihre Finger nicht benutzen kann, hält sie nicht von ihrer Leidenschaft ab: dem Fotografieren. Das hat ihr geholfen, ihre Gefühle auszudrücken.

Ihre ersten Fotos machte Katja Oemmelen rund um den Breyeller See. Ohne groß drüber nachzudenken legte sie einfach los und hielt ihre Eindrücke mit der Handykamera fest. Ufer, Bäume, Tiere, Wolken. Etliche waren es am Ende des Tages. Gut anderthalb Jahre ist das her, inzwischen hat die 38-Jährige mehrere Hunderttausend Bilder gemacht. Jeden Tag zieht sie eine neue Ladung vom Mobiltelefon auf die Festplatte ihres Computers. Die Besonderheit: Weil Oemmelen ihre Finger nicht benutzen kann, fotografiert sie via Spracherkennung. Sagt sie „Aufnahme“, klickt die Kamera.

Oemmelen wurde in Breyell geboren und wuchs in Lobberich auf. An ihrem fünften Geburtstag passierte das Unglück: Ein Auto erfasste das Mädchen. Vier Wochen lag Oemmelen im Koma. „Danach musste ich wieder bei Null anfangen“, erinnert sie sich und zählt exemplarisch auf: sprechen, essen, laufen.

 Katja Oemmelen ist am liebsten in der Natur unterwegs.
Katja Oemmelen ist am liebsten in der Natur unterwegs. Foto: Katja Oemmelen

Die neue Situation zehrte an ihren Kräften. „Am Anfang der Pubertät bin ich in eine Essstörung reingerutscht“, sagt sie. Mit 22 zeigten sich Spätfolgen des Schädel-Hirn-Traumas, das sie bei dem Unfall erlitten hatte: „Meine Beine und Füße haben sich verformt“, berichtet Oemmelen. Dystonie. „Nach einer Operation 2004 kam die Querschnittslähmung.“ Ende 2015 kamen Rückenschmerzen hinzu. Die Diagnose: vier Bandscheibenvorfälle. „Vom Sitzen im Rollstuhl“, sagt Oemmelen.

 Ihre Fotos mag die 38-Jährige so wie sie sind — ohne Filter oder Bearbeitung.
Ihre Fotos mag die 38-Jährige so wie sie sind — ohne Filter oder Bearbeitung. Foto: Katja Oemmelen
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Sie war zu der Zeit sportlich sehr aktiv. Sie trainierte im Fitnessstudio und fuhr Handbike, ein Rad, das allein durch die Arme angetrieben wird. Und Oemmelen war gut: „In meiner besten Zeit habe ich für die Marathonstrecke eine Stunde und 48 Minuten gebraucht“, erinnert sie sich. So hatte sie auch ihre Essstörung in den Griff bekommen: „Denn um einen Marathon fahren zu können, musste ich ja essen“, sagt Oemmelen. „Ohne Essen keine Kraft.“ Nach der Bandscheiben-OP wollte sie genau da wieder einsteigen.

 Auch Tiere kommen Katja Oemmelen vor die Linse.
Auch Tiere kommen Katja Oemmelen vor die Linse. Foto: Katja Oemmelen

Doch es lief nicht gut. Als der spinale Schock nach mehr als drei Monaten abgeklungen war, zeigte sich: „Ich habe keine Fingerfunktion mehr“, sagt Oemmelen. Seitdem besitzt sie einen Rollstuhl mit Zusatzantrieb, essen kann sie nur mit einer Spezialgabel. Sie macht Ergo- und Physiotherapie. Wie es ihr heute geht? „Mal so, mal so“, sagt die 38-Jährige. Doch sie hat Hoffnung – denn durch das Fotografieren hat sie gelernt, ihre Gefühle auszudrücken.

Die Idee zum Fotografieren kam ihr in der Reha-Klinik. „Ich wollte eine Art Tagebuch machen, und schreiben konnte ich ja nicht“, sagt Oemmelen. Seitdem ist sie regelmäßig in der Natur unterwegs. Besonders Pferde, Blumen, alte Bauernhäuser und der Sonnenuntergang haben es ihr angetan. Gerade erst hat sie an einem Tag wieder rund 400 Aufnahmen gemacht. Besonders gerne ist sie im Sommer und im Herbst unterwegs. „Gerade im Herbst entstehen durch Laub und Licht die schönsten Fotos“, sagt Oemmelen.

Mit einem Klettverschluss, den sie an der Rückseite ihres Smartphones angebracht hat, befestigt Oemmelen ihr Handy an ihrem linken Bein. So ist es sicher, wenn sie den Rollstuhl anschiebt, gleichzeitig kann sie aber jederzeit danach greifen, wenn sie ein Motiv entdeckt hat. Mit der rechten Hand richtet sie die Kamera auf das, was sie fotografieren will, und sagt „Aufnahme“, so hat sie es eingerichtet. Mit der Spracherkennung, die serienmäßig auf ihrem Handy installiert ist, kann sie beispielsweise auch zoomen, den Blitz einstellen oder die Farben verändern. „Aber ich mag die Fotos lieber so wie sie sind“, sagt Oemmelen.

Seit November lebt sie in ihrer ersten eigenen Wohnung – zwar mit Assistentinnen, die sie im Wechsel rund um die Uhr betreuen, aber eben doch selbstbestimmt. „Es ist alles noch relativ ungewohnt, aber man wächst rein“, sagt Oemmelen zufrieden. Die Assistentinnen helfen ihr auch nicht nur im Alltag, beim Einkaufen und Waschen beispielsweise. Sie begleiten sie auch mit dem Fahrrad zu den Seen in der Umgebung und leisten ihr beim Fotografieren Gesellschaft.

Oemmelens Traum ist es, irgendwann eine richtige Kamera zu haben, die sie an ihrem Rollstuhl befestigen kann. „Und ich würde sehr gerne mal eine Foto-Ausstellung machen“, sagt die 38-Jährige. Sie hat noch viel vor.