Kaldenkirchen: Gedenken an die Pogromnacht 1938

Kaldenkirchen : Friedensgebet: Gedenken an die Pogromnacht 1938

Rund 25 Kaldenkirchener waren der Einladung von Pfarrer Andreas Grefen gefolgt.

Ungewöhnlich, dass dienstags kurz vor 19 Uhr die Glocken der evangelischen Kirche läuten. In dieser Woche luden sie zum ökumenischen Friedensgebet aus Anlass des 81. Jahrestages der Pogromnacht vom 9./10. November 1938. Rund 25 Kaldenkirchener waren der Einladung von Pfarrer Andreas Grefen gefolgt. Später zogen die Gottesdienstbesucher schweigend mit Grablichtern in der Hand von der Kirche über Kirchplatz und Bahnhofstraße zur nahe gelegenen Synagogenstraße und stellten ihre Lichter auf dem Granitband im Pflaster, das an die Umrisse der ehemaligen Synagoge erinnert, ab. Dort verlas Pfarrer Grefen die Namen der Kaldenkirchener jüdischen Glaubens, die deportiert und in Ghettos und Konzentrationslagern ermordet wurden.

Die kleine Feier in der Hofkirche stand unter dem Wort aus Psalm 74 Vers 7: „Sie legten an dein Heiligtum Feuer, entweihten die Wohnung deines Namens bis auf den Grund. Sie sagten in ihrem Herzen: Wir zerstören alles.“ Dietrich Bonhoeffer schrieb an den Rand dieses Psalms in seiner Bibel den Kommentar: 9. November 1938. Auf der Titelseite des Handzettels für das Friedensgebet war das Foto der Synagoge von Halle, auf die am 9. Oktober ein Anschlag verübt wurde, und Hannah Arendts Warnung „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch abgedruckt.“ Allen Anwesenden war klar, dass sich die Gedenkfeiern zum Pogromtag 1938 verändert haben. Das „nie wieder“ früherer Jahre ist in Frage gestellt. Pfarrer Grefen litt unter der Tatsache, dass damals die meisten Christen zugeschaut und geschwiegen und viel zu wenige mutig gegen die Demütigungen der Juden aufbegehrt haben. Grefen nannte aber auch wenig bekannte Gegenbeispiele wie den schwäbischen Pfarrer Julius von Jan und den Berliner Domprobst Bernhard Lichtenberg.

Der 1873 geweihte Betsaal in Kaldenkirchen wurde zwar 1938 zerstört, aber nicht niedergebrannt, weil die Nachbarbauten zu dicht dran waren. SA-Männer stiegen auf das Dach und zerstörten den Dachstuhl. Die Synagogen-Ruine wurde 1960 abgerissen. Die an Kempen angebundene jüdische Gemeinde in Kaldenkirchen war nie groß. 1933 wurde 44 Mitglieder gezählt. Der Großteil arbeitete als Metzger und Viehhändler, auch als Kaufleute. In Kaldenkirchen gab es nicht viele jüdische Geschäfte, die in der Pogromnacht Ziel der SA-Attacken wurden. Nach 1945 kamen zwei jüdische KZ-Überlebende zurück. Die anderen emigrierten oder wurden umgebracht.

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