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Kreis Viersen: Im Licht der aufgehenden Sonne

Kreis Viersen : Im Licht der aufgehenden Sonne

"Ostern" gilt als eine Ableitung von "Osten". Denn aus der Richtung des Sonnenaufgangs erwarteten die Urchristen die neuerliche Ankunft Jesu. Kirchen wurden ursprünglich daher auch "orientiert", also nach Osten ausgerichtet.

Wenn sich morgens früh das Licht der aufgehenden, aber noch tiefstehenden Sonne in den bunten Glasfenstern des Hochchors bricht und mit vielen kleinen Strahlen einen Kirchenraum flutet, entsteht eine ganz besondere Atmosphäre. Dem Licht von außen und seiner Wirkung kann sich keiner entziehen. Manche Fenster sind so gestaltet, dass ihre bunte Bemalung ein farbensprühendes Feuerwerk entfaltet. Dieser Effekt ist kein Zufall. Denn die Kirchen der Christenheit sind in aller Regel nach Osten ausgerichtet oder eben "orientiert".

Vom Licht der aufgehenden Sonne durchflutet ist die Pfarrkirche St. Clemens in Süchteln. Die Menschen blicken der Ankunft Jesu entgegen. Foto: Busch

Das Osterfest ist theologisch das bedeutendste Fest der Christenheit. Sie feiert die Auferstehung Jesu und glaubt an die Überwindung des Todes. Licht triumphiert über Dunkelheit, die Sonne geht auf — dort, woher Jesus kommen wird. "Ostern" gilt als Ableitung von Osten. Dorthin richteten die Frauen ihre Blicke, die am Grab Jesu standen und es leer vorfanden. Sie sahen in Richtung Sonnenaufgang und Morgenröte, weil sie glaubten, Jesu werde von dort zurückkommen.

"Die Erwartung, Jesus werde bald kommen, hat die christlichen Urgemeinden am meisten beschäftigt", erklärt Bastian Rütten. Der promovierte Diplom-Theologe weist der Sonne eine besondere Symbolik zu. "Die aufgehende Sonne steht für den wiederkehrenden Christus. Das Reich Gottes bricht mit jedem Tag an, hat aber seine Vollendung noch nicht erreicht. Es ist dieses schon Dasein und doch noch nicht in Vollendung Dasein", sagt er.

Bis zu den liturgischen Veränderungen des 2. Vatikanischen Konzils hatte die Ost-Ausrichtung der Kirchen eine noch symbolträchtigere Funktion. Der Priester wandte nicht der Gemeinde den Rücken zu, sondern erwartete mit ihr den von Osten her kommenden Jesus.

In den vergangenen Jahren haben Menschen Kirchen bei Nacht in ein besonderes Licht getaucht. Die technischen Entwicklungen effektvoller Beleuchtung machen es möglich. Sie locken viele an, die das Farben- und Formenspiel meditativ auf sich einwirken lassen. Doch dies alles bleibt zurück hinter der Kraft des aufstrebenden Lichtes der aufgehenden Sonne. "Dieses Licht steht nicht für Untergang und das Ende der Welt, wenn Jesus kommt. Es ist das Licht des Aufgang und der Vollendung", erklärt Bastian Rütten.

Unbestritten hat Ostern aber auch Bezüge zu vorchristlichen Gesellschaften. Eine Erklärung besagt, Ostern leite sich ab vom althochdeutschen "ostara" für Osten oder auch "eostre", dem Namen der teutonischen Göttin der Morgenröte, des Frühlings und der Fruchtbarkeit. Zum Fest der Göttin Ostara wurde die frische, grünende Erde gefeiert. Die Tage werden länger als die Nächte. Nach historischen Quellen wurden zu Ostarun in einem Opferbrauch Eier als Fruchtbarkeitssymbol vergraben, verschenkt oder gegessen. Wie viele germanische Feste ist Ostarun vom Christentum übernommen und so abgeändert worden, dass die alte Bedeutung allmählich verblasste. Geblieben sind einige heidnische Bräuche, wie beispielsweise das Osterfeuer. Es ist Teil des germanischen Sonnenkults. Viele vor- und außerchristliche Religionen verehren die Sonne als Licht- und Lebensspenderin wie einen Gott und feiern deshalb Frühlingsfeste.

Das Konzil von Nicäa im Jahr 325 war unter anderem überlagert von einer erbitterten Auseinandersetzung um das Datum des Auferstehungsfestes. Entschieden wurde schließlich, es auf den ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond festzulegen. Erst gut zweihundert Jahre später fand man eine Formel für den Frühlingsbeginn: 21. März, 0 Uhr. Ostern findet demnach immer zwischen dem 22. März und dem 25. April statt.

(RP)