Kreis Viersen: Im Grenzraum geht Potenzial verloren

Kreis Viersen : Im Grenzraum geht Potenzial verloren

Der Gouverneur der Provinz Limburg, Theo Bovens, präsentierte der Verbandsversammlung der Euregio Rhein-Maas-Nord den "Chancenatlas". Er macht deutlich, dass nationale Grenzräume zu Unrecht stark benachteiligt werden.

In der deutsch-niederländischen Grenzregion der Kreise Viersen und Kleve sowie der Teilprovinz Nordlimburg versickern Jahr für Jahr enorme Potenziale auf dem Arbeitsmarkt und wirtschaftlicher Wertschöpfung. Bildung, Kultur und sprachliche Verständigung leiden unter lästigen Barrieren. Die Städte und Gemeinden fristen ein Halbkreisdasein, das ihre Entwicklung in geradezu dramatischem Ausmaß hemmt.

Theo Bovens, Gouverneur der Provinz Limburg, stellte der Verbandsversammlung der Euregio Rhein-Maas-Nord in der Niederkrüchtener Begegnungsstätte ein Strategiepapier vor, das in enger Zusammenarbeit mit dem niederländischen Innenministerium entwickelt wurde. Der Titel hat programmatischen Charakter: "Chancenatlas für Nord-Limburg, Viersen und Kleve". Projektleiter Roderik Ponds stellte nach einem kurzen Vortrag fest: "Es gibt signifikante Chancen für grenzüberschreitende Zusammenarbeit für alle Regionen" und "die meisten Chancen dazu bestehen auf dem Arbeitsmarkt."

In den Niederlanden gibt es seit Jahren ein Ranking aller Gemeinden. Bewertet werden vorrangig Arbeitsmarkt und Entwicklungsperspektiven. Auffällig an den Ergebnissen ist, dass die Gemeinden in der Nähe nationaler Grenzen ungewöhnlich schwach abschneiden. Mit Unterstützung des Innenministeriums entwickelte die Provinz Limburg den ersten "Chancenatlas" für den Raum Lüttich/Tongeren (Belgien), Aachen/Heinsberg sowie Südlimburg. Deutlich wurde dabei, dass für die Grenzgemeinden das, was im jeweils anderen Land geschieht, dort schlicht nicht stattfindet. Die jeweils andere Seite bleibt ein weißer Fleck, dem keine Wirkung auf das eigene Gebiet zugetraut wird.

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Der Chancenatlas hat viele Daten gesammelt und miteinander verglichen. Je durchlässiger das System der Grenzbarrieren wurde, desto deutlicher zeichnete sich eine Aufstiegsmöglichkeit im nationalen Ranking ab. Um das Projekt zu beschleunigen und Wirkungen nachhaltig zu kontrollieren, setzten die Partner mit Martin Unfried einen "Entgrenzer" ein. Bovens bot der Euregio an, sie dabei zu unterstützen, den Chancenatlas auszuwerten und in praktische Arbeit umzusetzen — mit dem "Entgrenzer".

Roderik Ponds nannte einige eindrucksvolle Beispiele dafür, wie hinderlich die Grenze auch heute noch ist. So sind Arbeitnehmer beider Länder bereit, im Durchschnitt 30 Minuten für den Weg zur Arbeit auf sich zu nehmen. Geht es darüber hinaus, wird es kritisch. Das aber ist der zeitliche Aufwand, der in Grenzräumen erforderlich ist, um im Nachbarland einen Arbeitsplatz zu erreichen. Das geht übrigens selten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ähnlich verhält es sich mit der Erreichbarkeit von Institutionen für Bildung, Gesundheit, Kultur, Sport und anderes mehr.

Grenzorte haben Nachteile dadurch, dass ihnen der natürliche Austausch mit dem jeweiligen Nachbarn in vielfältiger Weise verwehrt bleibt. Inländische Nachbarkommunen haben diesen Austausch unbegrenzt, die nationale Grenze aber baut sich als kaum überwindbare Barriere auf. Grenzregionen liegen meist weiter entfernt von national-wirtschaftlichen Zentren und häufig am Ende infrastruktureller Netzwerke. Unterschiede in Gesetzen und Vorschriften behindern die Entwicklung und den Arbeitsmarkt.

An diesem Beispiel machte Ponds auch fest, welches Potenzial im grenznahen Arbeitsmarkt vernachlässigt wird. Hätten Grenzräume dieselben Voraussetzungen wie innernationale Räume, dann stiege die Zahl der Arbeitsplätze innerhalb der akzeptablen Entfernung um 210 000 allein im Kreis Viersen, in Nordlimburg gar um 635 000. Baut man die Barrieren ab, sinken die Arbeitslosenzahlen nicht, sie können auf deutscher Seite kurzfristig sogar ansteigen. Langfristig aber erwarten die Experten, dass die Anziehungskraft der Grenzregion steigt. Das wirkt sich auf die Wirtschaft, den Arbeitsmarkt, Siedlungsentwicklung und weiche Standortfaktoren wie Bildung, Kultur, Sport, Natur und Tourismus aus.

(RP)