Gesamtschulleiter Roland Schiefelbein im Interview: "Ich hätte mir mehr Austausch gewünscht"

Gesamtschulleiter Roland Schiefelbein im Interview: "Ich hätte mir mehr Austausch gewünscht"

Der Gesamtschulleiter geht in den Ruhestand. Im Interview erklärt er, warum sein Start an der Schule nicht chaotisch war und warum er das Experiment Inklusion als Erfolg ansieht. Die Nachfolgesuche bestimmt er mit.

Was war für Sie der Beweggrund zur Gesamtschule zu wechseln?

Schiefelbein Hätte man mir, nach meiner nicht schönen Schulzeit, gesagt, du wirst Lehrer — ich hätte gesagt: niemals! In der Hauptschule habe ich Schüler erlebt, die im Schulsystem nicht weiter kamen, obwohl sie mehr drauf hatten. Das Konzept der Gesamtschule — alle Abschlüsse an einer Schule — hat mich überzeugt. Die Schüler bleiben in gewohnter Lernumgebung und müssen für einen besseren Abschluss nicht wechseln. Es funktioniert, wir haben Schüler mit Hauptschulprognose, die Abitur machen und umgekehrt, die aber ihr soziales Umfeld nicht verlassen müssen.

War es ein chaotischer Einstieg in Nettetal — Ihr Vorgänger verschwand buchstäblich bei Nacht und Nebel?

Schiefelbein Die Situation konnte ich ein wenig steuern. Von der ehemaligen stellvertretenden Leiterin Marie Steves wusste ich vom Weggang des Leiters in den Sommerferien. Als ich auf meinen Wunsch erst nach den Herbstferien anfing, war ich für viele so etwas wie der Retter. Von Anfang an bin ich sehr gut unterstützt worden — die Oberstufe musste geplant werden, der erste Abschluss stand an.

Die Gesamtschule befand sich im Aufbau, was war Ihnen wichtig?

SchiEfelbein Die optimale Förderung der Schüler. Wir bekamen in der Aufbauphase jährlich acht bis zehn neue Lehrer hinzu, die oft keine Erfahrung an einer Gesamtschule hatten. Ich führte viele Gespräche, damit Kollegen pädagogische Konzepte entwickelten, die ihre Schüler motivieren. Das hat der Entwicklung der Schule gut getan, auch weil wir uns beweisen mussten gegenüber den etablierten Schulformen. Die Inklusion hat das noch einmal zusätzlich befördert.

Wie ist Ihr Grundverständnis von Schülern?

Schiefelbein Jeder Schüler hat eine einzigartige Chance sich weiterzuentwickeln, im fachlichen, sozialen und persönlichen Bereich. Wir Lehrer haben eine sehr hohe Verantwortung. Das ist ein hoher Anspruch, muss aber die Maxime des Handelns sein.

Sie wagten im Jahr 2000 die Inklusion — warum?

SChiefelbein Wir haben uns nicht danach gesehnt. Vielmehr kam Herr Peters vom Verein Kindertraum auf uns zu. Ich habe ihm damals offen gesagt: Ich bin bereit, das im Kollegium zu diskutieren. Die Diskussion glich der aktuellen um Inklusion. Eine Lehrergruppe sprach sich dafür aus, eine andere hatte Bedenken, war aber bereit Integration zu tolerieren. Toll ist, dass wir Erfahrung durch das gemeinsame Lernen, soziales und fachliches Wissen gewonnen haben. Hinzu kamen weitere Kompetenzen durch die Förderschullehrer in die Schule. Der Prozess hat die Köpfe geöffnet.

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Ein Schwerpunkt der Gesamtschule neben der Vorbereitung auf das Abitur ist die berufliche Bildung.

Schiefelbein Sie war mir immer wichtig. Wir hatten einen guten Draht zur Handwerkerschaft — beispielsweise mit einem Handwerkertag am Wochenende. Das wollten wir in den Schulalltag bekommen. Mit viel Eigeninitiative und Engagement der Handwerkerschaft schufen wir selbst Räume, in denen wir Handwerk und Schüler zusammenbringen konnten.

Haben Sie an Ihrer Nachfolge mitgewirkt?

Schiefelbein Ja insofern, als ich eine sehr geeignete Kandidatin aus dem Kollegium ermuntert habe, diesen Schritt zu wagen. Sie hat frühzeitig den Hut in den Ring geworfen. Ich bin überzeugt, die Schule wird anders werden, aber vor allem besser.

Was hat sie besonders gefreut und geärgert in den Jahren als Schulleiter?

SChiefelbein Gefreut hat mich die konstruktive Zusammenarbeit mit den Lehrern, die nie gemauert haben. Sie waren dazu zu begeistern, den Unterricht zu verbessern — was zum Qualitätsnachweis wurde. Das war toll. Geärgert habe ich mich ab und zu über Politik und Verwaltung. Im Grundsatz arbeiten wir gut zusammen, wir sind gut ausgestattet. Negativer Höhepunkt war, dass ich aus der Zeitung erfuhr, dass wir eine Dependance bekommen und sechszügig werde sollten. Gott sei Dank gab es ein gutes Ende. Ich hätte mir mehr Austausch gewünscht.

Was Wünschen sie der Schule?

Schiefelbein Dass sie sich ihre Lebendigkeit erhält, sich weiterentwickelt, sich auf der Basis eines guten Schulprogramms neuen Anforderungen stellt und weiterhin Schüler gut ausbildet.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE PHILIPP PETERS

(RP)