Günter Wiegandt ist seit zwölf Jahren Pfarrer der katholischen Gemeinden von Lobberich und Hinsbeck

Serie Unsere Pfarrer : „Wir alle sind die Kirche“

Günter Wiegandt ist seit zwölf Jahren Pfarrer der katholischen Gemeinden von Lobberich und Hinsbeck.

Sein Refugium ist der Garten. Die Beete und der Rasen sind gepflegt, die Terrasse ist geräumig. „Wenn ich mal Zeit habe, was selten der Fall ist, bin ich gern hier, um abzuschalten“, sagt Günter Wiegandt. Ganz so frei ist er jedoch auch hier nicht – denn wenn der katholische Pfarrer von Lobberich und Hinsbeck hochschaut, sieht er den mächtigen Kirchturm von St. Sebastian. „Ich habe die Kirche immer im Blick“, sagt er und schmunzelt.

Dieser Kirche und damit den Pfarrgemeinden St. Sebastian und St. Peter in Hinsbeck dient der 59-Jährige seit zwölf Jahren als Pfarrer. Mit all ihren Einrichtungen wie Jugendheimen, Generationentreff, Bücherei, Kindergärten und der Alten Kirche mit Gottesdiensten und Kulturveranstaltungen sowie der Krankenhauskapelle haben die beiden Gemeinden durchaus städtische Dimensionen. „Entsprechend lebendig ist das Gemeindeleben, und entsprechend viele Gremien gibt es“, sagt Wiegandt.

Dabei strahlt er nicht gerade, denn Gremien bedeuten auch regelmäßige Verwaltungsarbeit, Sitzungen und Versammlungen. „So was muss sein, aber ich versuche, dass alles möglichst zügig über die Bühne geht“, sagt er. Wichtiger sei ihm der Dialog nach den offiziellen Besprechungen mit den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern. „Auch dafür ist meine Terrasse gut: ungezwungen miteinander ins Gespräch zu kommen“, sagt er.

So ungezwungen kann es nicht immer zugehen in einer Kirche, die zwar lebendig sein mag und engagiert in Flüchtlingsarbeit und Ökumene, aber auch krisengeschüttelt ist. Vom Missbrauchsskandal blieb Lobberich nicht verschont, wurde doch ein Vorgänger Wiegandts wegen Kindesmissbrauchs strafrechtlich verurteilt. „Wie überall in der Kirche leiden wir darunter. Man ist sensibel geworden fürs Thema Missbrauch“, gibt Wiegandt zu. Die Konsequenz: „Wir setzen auf Aufklärung und Prävention, für alle Mitarbeiter stehen regelmäßig Schulungen an.“

Der Pfarrer selbst baut auf sein Prinzip „Kontakte und Vertrauen schaffen und pflegen“. Nach dem Konzept der aufsuchenden Seelsorge sei er viel unterwegs in seinen Gemeinden. „Die Menschen kommen kaum von selbst, wenn sie Antworten suchen etwa auf Fragen nach dem Sinn des Lebens“, sagt er. Auch besuche er zum Beispiel die Familien von Täuflingen oder die Angehörigen von Verstorbenen. In den Einrichtungen lasse er sich zudem häufig sehen. „Das macht mir auch große Freude, etwa wenn ein Kind im Kindergarten mich fragt: Bis du der liebe Gott?“, sagt Wiegandt und lacht – aber nur kurz, denn solch eine Anekdote bringt ihn zum Nachdenken.

Nein, der liebe Gott sei er eben nicht. Und wenn ihm Umbrüche und Krisen in der Kirche zu schaffen machten, schaue er in der Kirche auf zum Kreuz und sage: „Herr, das ist nicht meine, sondern deine Kirche.“ Wiegandt erläutert, er bemühe sich in seinen Gemeinden, aber ein Pfarrer allein sei nicht verantwortlich dafür, wie es insgesamt weitergehe mit der Kirche.

Diese Kirche hat er früher anders erlebt, in seiner Jugend nämlich, als nahezu jede Pfarrei noch einen Pastor und Kapläne hatte. In einem solchen katholischen Milieu wuchs er auf, war in Schiefbahn Messdiener und in der Jugendarbeit aktiv, nahm sich „beeindruckende Persönlichkeiten“ zum Vorbild, beispielsweise August Peters, den aus Kaldenkirchen stammenden Weihbischof von Aachen.

So wurde Wiegandt Priester, ist heute Pfarrer in einer Kirche mit weniger Geistlichen als früher. „Aber nicht wir Priester sind die Kirche, sondern wir alle, ohne unsere Mitarbeiter läuft nichts in den Gemeinden“, hebt Wiegandt hervor. Darum sei er dankbar, dass sich viele Ehrenamtler in Lobberich und Hinsbeck engagieren. Das schaffe ihm Luft, auch um die vielen Anliegen, Sorgen und Probleme mit in sein Gebet zu nehmen. „Beten, Gottesdienst und Sakramente, das ist immer noch die Mitte unseres Glaubens, unserer Kirche, das wird leider oft vergessen“, sagt er. Er selbst werde oft daran erinnert, eben weil er „die Kirche immer im Blick“ habe. Sogar auf seiner Terrasse.