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Nettetal: Gesprühte Träume für das Bahnhofscafé

Nettetal : Gesprühte Träume für das Bahnhofscafé

In einer Figur hat sich der Künstler selbst verewigt. In den Gesichtszügen des Discjockeys, der mit langen Fingern nach dem Plattenteller greift, findet sich das Antlitz seines Schöpfers wieder. Seit Tagen ist der Künstler Artem Wächter damit beschäftigt, einige Wände im Kaldenkirchener Bahnhofscafé (BaCa) neu zu gestalten. Im feinen Farbnebel der Sprühdosen entstehen Schicht für Schicht Linien und Flächen, Schatten und Licht.

Die von Wächter angefertigte Skizze, die auf einem der Stehtische zwischen den bunten Sprühdosen liegt, ist gerade so groß wie ein A4-Blatt. Die Motive überträgt er von Hand mit einem Stift auf die weiße Wand, um sie danach farbig zu gestalten. "Es ist besser, erst mal Ideen zu sammeln, Skizzen zu machen, als einfach drauflos zu sprayen", sagt Wächter. Das rät er auch jungen Leuten, die er unterrichtet — sei es in Workshops an Schulen, sei es im privaten Kunstunterricht als Vorbereitung fürs Studium.

Graffiti bilden den Schwerpunkt in der Arbeit des Künstlers, der 1975 in Moskau geboren wurde. Im Alter von 16 Jahren zog er nach Deutschland, heute wohnt er in Krefeld. In Russland begann er eine Ausbildung als Restaurator für Ikonen an einem Kunstkolleg in Moskau. In Krefeld besuchte er die Hochschule Niederrhein, studierte Kommunikationsdesign und machte sein Diplom als Grafik-Designer.

Der Künstler nutzt die Vielfalt der Malweisen, der Stifte, Farben und Untergründe, fertigt Stillleben, Aktzeichnungen, Comic-Illustrationen, Porträts. Graffiti sind da nur ein Teil von Wächters Welt — wenn auch ein sehr wichtiger. An den Kunstwerken aus der Sprühdose schätzt er "die Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit große Flächen zu bearbeiten", sagt er und deutet auf die große Wand im Thekenbereich des Bahnhofscafés, auf die er seine Skizze übertragen hat. "Mit einem Pinsel würde man Wochen dafür brauchen."

Mit dem raschen, heimlichen Aufsprühen von Graffiti unter Bahnbrücken oder auf Fassaden hat diese Arbeit nichts zu tun — wenngleich es ihn manchmal reizen würde, sagt Wächter. "Aber erstens bin ich dafür zu alt, und zweitens würde mich in Krefeld jeder an meiner Handschrift erkennen." Wenn man ihm allerdings eine Straßenbahn oder einen Bus zum Sprayen anbieten würde — ja, das würde er gern machen. Neben den unverrückbaren Untergründen wie Wänden oder Toren bleiben Leinwände für die gesprühte Kunst — praktischer für Ausstellungen.

Die Arbeit im Bahnhofscafé in Kaldenkirchen ist nicht seine erste für eine Diskothek. In der Halle Luja in Tönisvorst war Wächter schon tätig, auch im "Schlachthof" in Krefeld. Im Herbst vergangenen Jahres zeigte er in der Kulturfabrik Krefeld einen Querschnitt seines Schaffens — darunter fotorealistische Arbeiten ebenso wie psychedelische Traumwelten und Comics. Solch eine Traumwelt hat er nun auch für das Bahnhofscafé entworfen: Ein DJ und ein Mädchen, durch ein Kabel miteinander verbunden, lauschen mit geschlossenen Augen dem Klang der Musik, die aus den Kopfhörern schallt. "Sie hören Musik, während die anderen schlafen", sagt Wächter, "und über allem geht der Mond als Schallplatte auf."

Noch steht eine Leiter vor der Wand, noch ist das Bild nicht fertig. "Zu Hause kommen oft Freunde vorbei, die sagen: ,Hör auf, es ist fertig'", sagt Wächter. "Früher hat das immer meine Großmutter gemacht — mir gesagt, jetzt ist gut. Man kann Bilder auch totmalen." Im Bahnhofscafé muss er nun selbst entscheiden, wann das Bild fertig ist.

(RP)