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Geschichte des heutigen Kreises Viersen: Krieg löste nationale Begeisterung aus

Serie Vor 150 Jahren : Krieg löste nationale Begeisterung aus

Der deutsch-französische Kriege 1870/71 entfachte auch am Niederrhein vaterländische Stimmungen. Bis ins kleinste Dorf wurde der Kampf mit dem alten Erbfeind Frankreich enthusiastisch gefeiert.

Die starke Konzentration des allgemeinen historischen Interesses auf die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts hat den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 in den Hintergrund gedrängt. Zu Unrecht. Denn sein Ergebnis war die Bildung des Deutschen Reiches unter preußischer Führung und ein enormer wirtschaftlicher Aufstieg Deutschlands. Elsass-Lothringen fiel als „Reichsland“ an das Deutsche Reich. Frankreich wurde Republik und musste 5 Milliarden Francs zahlen. Gut vierzig Jahre später kam es zu einem neuen Waffengang gegen Frankreich, verheerender und blutiger als je zuvor.

Der Krieg wurde ausgelöst durch den Konflikt um die Annahme der spanischen Krone durch den Erbprinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen, wodurch Frankreich sich von Süden und Norden von Hohenzollern bedroht sah. Im Juli 1870 erklärte Kaiser Napoleon III. Preußen den Krieg und unterlag nach vielen Schlachten, insbesondere in der Schlacht bei Sedan, wo der Kaiser in Gefangenschaft geriet.

Der Krieg, in dem Preußen die deutschen Fürsten an seiner Seite hatte, löste eine große nationale Begeisterung aus. Bis ins kleinste Dorf wurde der Kampf mit dem alten Erbfeind Frankreich enthusiastisch gefeiert. Am Niederrhein war es nicht anders. Die vorliegenden Geschichtsdarstellungen der Städte und Gemeinden des Kreises dokumentieren durchweg eine ungeteilte begeisterte Kriegsstimmung. Die Bürgermeister übertrafen sich gegenseitig in ihren patriotischen Berichten an ihren Landrat.

Einige Beispiele. Über Willich hieß es: „Mit einer Begeisterung wie sie seit den Tagen der Befreiungskriege nicht mehr gekannt war, zogen die Krieger auch in Willich ins Feld, begleitet von den Siegeswünschen der Zurückbleibenden, die hofften, dass dem Vaterlande mit einem Male der dauernde Frieden errungen und erkämpft würde. In Willich wurden die Siegesnachrichten mit größtem Jubel aufgenommen.“

In Bracht war laut einem Quartalsbericht des Bürgermeisters die Stimmung „fortwährend patriotisch“. 57 Männer des Dorfes waren in den Krieg gezogen. Aus Kaldenkirchen waren 77 Männer „mit warmer Hingabe, ja Begeisterung dem Rufe des Königs folgend zur Fahne geeilt und haben die Zurückgebliebenen sich freudig und bereitwilligst den verschiedenartigen Opfern unterzogen“. Die Stadtverordnetenversammlung kam „freudig“ der Bitte nach, sich an der Überreichung einer Dankadresse und eines goldenen Lorbeerkranzes an König Wilhelm zu beteiligen. Beim Friedensschluss 1871 läuteten hier die Glocken beider Kirchen eine Stunde lang.

In Schiefbahn hielt der Bürgermeister fest: „Die hiesigen Einwohner haben sowohl beim Friedensschlusse als bei den jüngsten Sieges- und Dankesfeiern ihre Freude über den erlangten Frieden und ihre patriotische Gesinnung nach Kräften bethätigt“. Auch in Bracht feierte man begeistert den Sieg über Frankreich: Das Dorf hatte „mit Fahnenschmuck und Laubgewinde ein Festkleid angelegt, wie nie zuvor. (Abends war allgemeine Illumination nebst Abbrennung eines Feuerwerks); auch war die sonstige Betheiligung an diesem schönen Fest eine allgemeine. (Mittags war ein Faß offen)“.

Zwar reichte die Zahl der Gefallenen und Verwundeten längst nicht an jene der kommenden Weltkriege heran, dennoch war der Blutzoll in etlichen Gemeinden des Kreises Kempen empfindlich und bitter. So starben beispielsweise aus Anrath neun junge Männer, die meisten in Lazaretten an Typhus und Ruhr. Auch finanziell war der Krieg für viele Gemeinden ein Aderlass. Auf ihre Kosten mussten Pferde und Fuhrwerke für den Kriegseinsatz gestellt werden. In der 2015 erschienenen Geschichte von Bracht liest man, dass die Kosten 1871 ein Drittel des gesamten Gemeindeetats betrugen.

Peter Wilhelm Küppers aus Brüggen, der als Fuhrmann abkommandiert war, kam ohne Pferde und Fuhrwerk zurück. Alles war zerschossen worden. Mit nur einem Toten, Johann Matthias Dömges aus Gelagwerg, der im Feldlazarett von Amiens verstarb, kam Brüggen aber noch relativ glimpflich davon.