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Gesamtschule Nettetal: Zwei schwerhörige Mädchen kämpfen für Inklusion

Nettetal : Datenschutz kontra Inklusion

Zwei schwerhörige Schülerinnen der Gesamtschule Nettetal gehen wünschen sich ein Hilfssystem, das gesprochene Sprache in Schrift umsetzt. Wegen Datenschutzbedenken hat die Schule dies bisher abgelehnt.

Die Zwillingsschwestern Marcellina und Mirabella sind schwerhörig, die beiden 14-Jährigen besuchen die achte Klasse der Gesamtschule Nettetal. Sie können von den Lippen ablesen. Aber schon, wenn der Lehrer sich zur Tafel dreht, ist das nicht mehr möglich. Deshalb wird der Unterricht mit Mikrofonen verstärkt, damit die Mädchen dem Gesagten besser folgen können. 

Während der Corona-Krise ist die Schule für ihre Stufe noch geschlossen. Die Aufgaben kommen schriftlich per E-Mail auf ihr Tablet. Aber wenn die Schule wieder losgeht und alle einen Mundschutz tragen, wird es nicht einfach. Das kommt noch aktuell hinzu. Aber die Familie Bräcker kämpft schon viel länger für eine andere Lösung. Eine Münchner Firma will Sprache sichtbar machen und so Hörbehinderten ein barrierefreies Leben ermöglichen.

Das System funktioniert über die Zuschaltung eines Schrift- oder Gebärdensprachdolmetschers. Was im Unterricht gesprochen wird, kann mit Mikrofonen übertragen werden und wird extern von einem Sprachdolmetscher in Schriftsprache umgesetzt. Das gesprochene Wort erscheint geschrieben auf dem Display von Tablet oder Smartphone.

Mutter Melanie Bräcker hat dieses System 2018 kennengelernt und war begeistert. Doch als sie mit diesem Vorschlag in die Schule kam, waren nicht alle davon angetan. Die Bedenken betreffen den Datenschutz. Können Inhalte aus dem Unterricht in andere Kanäle gelangen? Leo Gielkens, Leiter der Gesamtschule Nettetal, verweist auf ein anhängendes Verfahren bei der Landesdatenschutzbeauftragten. Zum Nachteilsausgleich der stark hörgeschädigten Mädchen werde bereits jetzt eine FM-Anlage genutzt, die mittels Mikrofonen das Gesprochene akustisch verstärkt. Gielkens kann sehr gut verstehen, dass die Verschriftlichung des Gesagten für die Mädchen eine Verbesserung wäre. Aber durch das Recht auf informelle Selbstbestimmung von Lehrern wie Schülern wäre dieses System datenschutzrechtlich fragwürdig. Die Schule fördere die Mädchen nach wie vor, beide seien motivierte und leistungsbereite Schülerinnen. Die Gesamtschule hat sich wegen dieses Wunsches umgehört. Aber weder bei der Bezirksregierung noch beim Datenschutzbeauftragten des Kreises für Schulen habe man den Zielkonflikt klären können. Die Frage ging an die Datenschutzbeauftragte des Landes, Helga Block. ImFebruar erhielt die Schule eine Eingangsbestätigung für das Schreiben. Leo Gielkens rechnet noch in diesem Schuljahr mit einer Entscheidung aus Düsseldorf,  der die Schule dann folgen werde.

Mutter Melanie Bräcker ist es aber leid, immer hingehalten zu werden. Seit zwei Jahren kämpfe sie für das Spracherkennungsprogramm. Sie will einen Anwalt einschalten. Denn die Mädchen sollen an der Gesamtschule bleiben. An einer Inklusionsschule könne man mehr Stoff lernen als an einer Förderschule für Hörbehinderte. Für eine entsprechende Realschule in Dortmund müssten sie außerdem im Internat wohnen.