Für die Wirte und viele Stammgäste ist das urige Quartier Latin in Kaldenkirchen ein Heimatort

Heimatserie : Heimatgefühl am Kneipentresen

Für die Wirte und viele Stammgäste ist das urige Quartier Latin in Kaldenkirchen ein Heimatort. Sie genießen das ungezwungene Miteinander. Kühles Bier und Musik gibt es obendrein.

Das Quartier Latin in Kaldenkirchen ist eine typische urige Kneipe – mit ein paar Kuriositäten: An der Wand hängt ein Motorrad, um die Tische stehen Kirchenbänke, neben dem Kaminofen hängt ein Skelett, lose baumelt die Klinke in der Tür. Der Gemütlichkeitsfaktor ist hoch. Vor allem spätabends kommt Leben in die Bude. Gäste sitzen an der Theke, stehen am Kicker oder bei schönem Wetter draußen auf der halbrunden Bank vorm Eingang. „Das alles hier ist für mich Heimat“, sagt Mark Dors, einer der vier Wirte, und das meint er durchaus ernst: „Mit netten Menschen die Zeit verbringen, so ein Gefühl kann man nicht ersetzen.“

Solche Heimatgefühle vermittelt das denkmalgeschützte Eckhaus an der Bahnhofstraße 60 seit Generationen: Über dem Eingang prangt der Schriftzug „Restauration“, mindestens seit dem 19. Jahrhundert war hier eine Gaststätte. Das zweigeschossige Gebäude an der Ecke zur Poensgenstraße stammt aus dem 18. Jahrhundert, architektonische Besonderheit ist der sogenannte Dreiecksgiebel. In den 1960er-Jahren erwarb der Kaldenkirchener Axel Langner die ehemalige Stadtschenke, krempelte die gutbürgerliche Stube um zum Quartier Latin. Kehrten früher wohl brave Bürger, Kutscher und Fuhrleute hier ein, so wurde die Kneipe nun zum Treffpunkt junger Alternativer und Intellektueller, manche von ihnen sind bis heute Stammgäste.

„Ich habe einen großen Teil meiner Jugend hier verbracht, immer mit den richtigen Leuten und schöner Musik, das ist mir bis heute erhalten geblieben, hier ist jeder willkommen“, sagt der Kaldenkirchener Peter Schwan (65). Auch er spricht von „Heimatgefühlen“, ist mit seiner Clique regelmäßig in der Kneipe, die seit Langners Tod 1995 von Mark und Patrick Dors, Thomas Kolodziej und Annerose Pannwitz weitergeführt wird. Die vier wechseln sich im Thekendienst ab. Wer gerade nicht dran ist, kommt oft trotzdem und genießt das Miteinander.

An diesem Abend ist die Theke voll besetzt. Die Besucher klönen, würfeln, der Zahnarzt schaut auf ein Bierchen vorbei, der Elektrofachmann kommt fast täglich. Am großen Tisch lachen junge Leute. Gewusel herrscht um den Kicker, in der Ecke planen drei Freunde eine Bootstour. Ein Ingenieur kommt mit einer Studentin ins Gespräch: „Du kommst aus Gelsenkirchen? Ich stamm’ aus Bochum“, sagt er. Schon haben sie was zu plaudern.

„Hier kann jeder mit jedem reden, viele Gäste wurden zu Freunden“, sagt Mark Dors erfreut. Wem nicht nach Unterhaltung sei, „der kann auch ruhig für sich sitzen, das nimmt ihm niemand übel“, sagt Dors. Für Annerose Pannwitz ist „diese Verbundenheit untereinander“ ein Markenzeichen des Quartier Latin. „Ohne die Kneipe kann ich mir das nicht vorstellen“, sagt sie. „Heimat ist für mich eben, wo man gern mit den Menschen zusammen ist.“

Kultkneipe wird das Quartier Latin oft genannt, wohl auch, weil solch ein Etablissement heute selten ist. „Ich würde zwar nicht von Kneipensterben reden“, meint André Dückers vom Nettetaler Bierkontor: „Aber Eckkneipen als Treffpunkte und vor allem Musikkneipen sind weniger geworden, in Kaldenkirchen immerhin noch das Tach und das Quartier Latin.“ Manche Wirtsleute machten aus Altersgründen keine Veranstaltungen mehr oder funktionierten ihr Lokal zum Restaurant um.

Dass Bierzapfen in originellem Ambiente keinen dauerhaften Fortbestand garantiert, weiß man im Quartier Latin. Pannwitz sagt: „Aktionen fördern ja das Miteinander.“ Deshalb gehören Konzerte, gelegentlich eine Lesung, Kneipenquiz und Beteiligung am Kaldenkirchener Kneipenfestival ebenso zum Programm wie das Choppertown-Motorrad-Happening und das zweitägige Open-Air-Konzert Spring-Jam.

Doch steht im alltäglichen Mittelpunkt das abendliche Kneipenleben, das vielen Stammgästen ein Heimatgefühl vermittelt. „Das Quartier Latin ist für mich ein Stück Heimat, weil es im positiven Sinne mein Leben geprägt hat“, sagt Frieda Heines (61). In jungen Jahren habe er sich, angeregt durch viele gute Gespräche in dieser Kneipe, entschieden, sich fort- und weiterzubilden: „Das prägt, schafft Verbundenheit.“

Ähnlich sieht das Stammgast Norbert Lüfkens (47), von allen nur Nappo genannt. Er fühle sich heimisch in der Kneipe. „Du darfst dich ‚analog‘ unterhalten mit Menschen, die lustig, traurig, freundlich, spannend, fremd sind“, sagt er. Bei guter Musik und kühlem Bier entstünden Freundschaften, keine Schule könne solche „Kunst der Unterhaltung“ lehren. Wirt Mark Dors dokumentiert seine Liebe zum „Heimatort Kneipe“ gar auf der Haut – er trägt ein Tattoo mit dem Emblem des Quartier Latin.

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