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Nettetal: Fliegerhorst als unbequemes Denkmal

Nettetal : Fliegerhorst als unbequemes Denkmal

Beim "Tag des offenen Denkmals" am 8. September wird über den ehemaligen Nachtjägerflughafen in der Venloer Heide informiert – seine Schattenseiten sind weitgehend unbekannt.

Beim "Tag des offenen Denkmals" am 8. September wird über den ehemaligen Nachtjägerflughafen in der Venloer Heide informiert – seine Schattenseiten sind weitgehend unbekannt.

Für den 15 Jahre alten Willi Budel und seinen Kameraden Hans Geraets war der Fliegerhorst Venlo ein idealer Abenteuerspielplatz. Allen Mahnungen der Eltern zum Trotz fanden die Leuther Jungen Anfang der 1940er Jahre immer wieder Wege, auf das eigentlich streng gesicherte Flugplatzgelände in der Venloer Heide vorzudringen und mit manchen Soldaten Freundschaft zu schließen. "Wir kannten die alle nur mit dem Vornamen", blickt der heute 85-jährige Budel zurück. Er erinnert sich noch an die Standorte vieler Flugzeughangars, auch wenn inzwischen Bäume und Sträucher den größten Teil des Geländes zurückerobert haben.

Das Flugplatzgelände auf deutscher und niederländischer Seite ist heute Ausflugziel für Wanderer, Radler und Sportler – Jogger wie Segelflieger. Zumindest für Letztere ist das Gelände zwischen Postweg und Bundesstraße 221 das geblieben, was es seit 1924 war: ein Start- und Landeplatz für Flugzeuge. Doch gewann er für die niederländische Luftwaffe keine große Bedeutung, da er zu nah an der deutschen Grenze lag. Er diente Flugvorführungen und sogar 1930 dem Zeppelin als Zwischenziel. Auch Prinz Bernhard ist am 19. September 1939 Gast beim ersten Limburger Segelfliegertreffen gewesen.

Das alles änderte sich schlagartig im Sommer 1940, als Nazi-Deutschland die neutralen Niederlande überfallen hatte und Verteidigungsbasen gegen englische Bomber aufgebaut werden mussten. Für den Nachtjägerflughafen Venlo requirierten die Besatzer ein rund 18 Quadratkilometer großes Gelände zwischen Kaldenkerkerweg im Süden, Reichsstraße 221 im Osten, Herungerberg im Norden und Postweg im Westen.

Zwischen 15.000 und 18.000 niederländische Arbeiter, über die Organisation Todt angeworben, legten drei Start- und Landebahnen (zweimal 1.400 m, einmal 1.250 m) sowie 48 km Straßen und Rollbahnen an. Wie damals gepflastert wurde, ist noch vor dem Haupteingang des Dominikanerinnenklosters am Beckersweg zu sehen, das als Offizierkasino diente. Fast meterdicke Betonmauern umhüllen die Kommandozentrale und den Tower am Postweg. Bezahlt hat alles der niederländische Staat: 62 Mio. Gulden (nach heutiger Kaufkraft 335 Mio. Euro).

An zahlreichen Rollbahnen entstanden 99 Flugzeughallen in unterschiedlicher Bauweise, Reste von ihnen sind vor allem auf deutscher Seite noch zu sehen (Restaurant Birkenhof, Atelier van Eyk, neben Bundeswehr-Depot-Eingang an B 221). Rund um den Flughafen waren acht Flak-Batterien zur Abwehr gegnerischer Angriffe aufgebaut. Stationiert waren in erster Linie die Standard-Nachtjäger vom Typ "Me(sserschmidt) 110", später kamen auch HE(inkel) 219 dazu. Der Flughafen hatte zahlreiche Eingänge: "Tor 1" befand sich am Schaapsdijkweg (neben dem Wachhaus erinnert eine Tafel daran), "Tor 9" ist an der B 221 auf deutscher Seite der bevorzugte Zugang (früher war es der bevorzugte Ausgang der Soldaten in die "freie Welt").

Das ganz dunkle Kapitel in der Geschichte des Fliegerhorstes begann 1943, als zunehmend Häftlinge des Konzentrationslagers Vught (bei Eindhoven) für Reparatur- und Erweiterungsarbeiten eingesetzt werden – bis zu 700. Der Flughafen geriet immer stärker ins Visier der britischen und amerikanischen Bomber. Nach einem verheerenden Angriff am 3. September 1944 wurden die Flugzeuge abgezogen und ins Münsterland verlegt, die Hangars gesprengt. Doch muss der Zustand nicht völlig desolat gewesen sein, denn vom März bis September 1945 nutzte die US-Airforce das Gelände, auf dem auch der englische Premier Winston Churchill am 23. März landete.

Seit einigen Jahren bemüht sich der Förderverein Ehemaliger Fliegerhorst Venlo e.V., die Erinnerung an dieses "Bau- und Bodendenkmal" wach zu halten als Mahnung an künftige Generationen. Er bietet regelmäßig Führungen über das Gelände an, die auch die noch bestehenden Außenlagern in Herongen ("Schullandheim Krefeld") berücksichtigen. Dass der ehemalige "Fliegerhorst" als "Denkmal jenseits des Guten und Schönen" bis dorthin reicht, weiß heute kaum noch einer.

Doch dass "der Flugplatz gesprengt wurde", weiß Martin Gommans (Jahrgang 1936) noch sehr genau. Und Christian Litjens (Jahrgang 1934) erinnert sich daran, "wie wir auf dem Flughafen die Tornister voller Steine stopften, damit die Schule wieder repariert werden konnte". Viele Häuser in Venlo wurden mit Trümmersteinen des Fliegerhorstes neu gebaut und auf beiden Seiten der Grenze repariert.

(mme)