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Nettetal: "Es gibt hier keine Arbeit"

Nettetal : "Es gibt hier keine Arbeit"

Der Vorsitzende des Nettetaler Integrationsrates, Tahir Yavuz, macht sich Sorgen um die Zukunft junger Menschen aus Familien mit fremden Wurzeln. Er ermutigt sie, hart an sich zu arbeiten, wenn sie weiter kommen wollen.

Tahir Yavuz macht sich ständig Gedanken, wie er jungen Menschen mit familiären Wurzeln in anderen Ländern eine Perspektive geben kann. Der Vorsitzende des Nettetaler Integrationsrats nimmt die ihm gestellte Aufgabe sehr ernst. Aber bisher sind allen Anstrengungen zum Trotz immer nur winzige Schritte gemacht worden. Erreicht sei, gemessen an den vielen Runden und wortreichen Erklärungen aller, herzlich wenig, stellt er fest.

 Draftex, Pierburg, Rokal-Hansa – die Liste der untergegangenen Industrieunternehmen ist lang. Viele Menschen mit fremden Wurzeln haben dabei ihre Existenz und die Orientierung verloren.
Draftex, Pierburg, Rokal-Hansa – die Liste der untergegangenen Industrieunternehmen ist lang. Viele Menschen mit fremden Wurzeln haben dabei ihre Existenz und die Orientierung verloren. Foto: Kaiser (1), Busch (2)

Demnächst will er eine Klasse am Lobbericher Berufskolleg besuchen und jedem Jugendlichen zurufen: "Gib Gas. Du musst besser sein als die anderen." Das hat er schon einmal getan. Yavuz schrieb an der Tafel Zahlen auf: Kosten für Miete, Nebenkosten, Lebensunterhalt, Kleidung, Internet und Handy, Disco, Urlaub. "In der Summe standen dort 1400 Euro monatlich nur an Ausgaben", erinnert er sich.

Die Jugendlichen waren ernüchtert. So schonungslos hatte ihnen noch niemand vorgerechnet, wie viel sie verdienen müssten, um sich das zu leisten, was sie für selbstverständlich halten. Tahir Yavuz macht sie nicht mutlos. Er bläut ihnen ein, dass sie es können, wenn sie dafür arbeiten. Er wird nicht müde, 17- bis 18-Jährigen zu predigen, aktiv in der Welt zu sein. "Lest Zeitung, sucht im Internet Zeitungsseiten, ihr habt alle Smartphones. Erkundigt euch, was in eurer unmittelbaren Umgebung geschieht."

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Und er erklärt ihnen, dass sie die warme Geborgenheit ihrer Familien verlassen müssen, wenn sie weiterkommen wollen. "Es gibt hier keine Arbeit, ihr müsst in die größeren Städte gehen", sagt er. Das Handwerk biete jungen Menschen auf der Suche nach einer Ausbildung Chancen. Aber mehr als 80 Prozent der Akademiker aus türkischstämmigen Familien gehen heute in die Türkei. Das Land lockt mit dynamischem Wachstum und enormen Gehältern.

"Vieles, wenn nicht sogar alles, hängt von der Schule ab. Die Vorbereitung auf das Berufsleben ist entscheidend. Aber viele Familien sind damit überfordert. So müssen die Kinder und Jugendlichen lernen, selbst Initiative zu zeigen und zu begreifen, dass ihr Zeugnis der maßgebliche Leistungsnachweis ist. Ich rate ihnen, darüber nachzudenken, wie sie als Arbeitgeber reagierten, wenn sie bei einer Bewerbung ein schlechtes Zeugnis sähen", sagt er.

Die Zeiten, dass ungelernte Kräfte "gutes" Geld bei Pierburg. Draftex, Hansa-Rokal oder Rösler verdienen konnten, seien unwiderruflich vorbei. Umso wichtiger sei der gute Schulabschluss und ein Plan für die berufliche Zukunft, sagt er. So hofft der engagierte Vorsitzende des Integrationsrates inständig, dass seine Worte auf fruchtbaren Boden fallen. FRAGE DES TAGES

(RP)