Nettetal: Erinnerung an die Zwangsarbeit

Nettetal: Erinnerung an die Zwangsarbeit

Der Bürgerverein hat eine Informationstafel am Einmannbunker an der Feldstraße angebracht. Ab 1942 war hier ein Flakgeschütz gegen Luftangriffe stationiert. Gleich nebenan wurden Zwangsarbeiterinnen in einer Fabrik bewacht.

Letzte noch sichtbare Reste von Befestigungen aus dem Zweiten Weltkrieg hat der Bürgerverein jetzt für die Nachwelt gesichert. Es handelt sich um einen sogenannten Einmannbunker, der an der Bahnstrecke zwischen Kaldenkirchen und Breyell Wachmannschaften sicheren sollte. Ein solcher Bunker steht am Bahnübergang Feldstraße, wo einst die Fortin-Mühlenwerke standen. Gleichzeitig erinnert der Bürgerverein daran, dass hier während des Krieges Osteuropäer zur Zwangsarbeit herangezogen worden waren.

Die Fraktion der Wählergemeinschaft "Wir in Nettetal" (WIN) hatte vor einiger Zeit auf den kleinen Bunker hingewiesen und die Stadt gebeten, die geschichtliche Bedeutung und seinen möglichen Denkmalcharakter zu prüfen. Der Bürgerverein griff die Initiative auf und förderte einige Fakten zutage, die nach dem Krieg verdrängt worden waren. Ältere Kaldenkirchener halfen mit, sich dieser Geschehnisse wieder zu erinnern.

Auf einer Gedenktafel, die jetzt angebracht wurde, fasst der Bürgerverein Ergebnisse seiner Nachforschungen zusammen: "1942 - Parallel zu dem Streckengleis gab es damals ein Anschlussgleis, das unmittelbar auf das Gelände des Gefangenenlagers (ehemalige Fortin-Mühlenwerke) führte. Hierhin wurden Gefangene aus den zu diesem Zeitpunkt besetzten Ostgebieten Europas gebracht und von dort zur Zwangsarbeit eingeteilt. Ende des Jahres 1942 häuften sich die alliierten Luftangriffe auf strategisch wichtige Verkehrsverbindungen. Zu deren Abwehr wurden neben den Gleisen mit Wachmannschaften belegte Flak-Waggons stationiert. Dieser "Einmannbunker" (damals auch als Splitterschutzzelle oder Wachpostenunterstand bezeichnet) mit kleinem Schutzwall aus Ziegelsteinen ist einer von ehemals drei Exemplaren. Er bot bis zu drei Personen Schutz. Als kleiner Überrest eines furchtbaren Krieges ist der Einmannbunker bis heute ein mahnendes Denkmal."

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Vorstandsmitglieder des Bürgervereins sahen sich an der Feldstraße um. Sie freuen sich jetzt, dass die Stadt das Gelände am Unterstand in unmittelbarer Nähe der Bahngleise gesäubert hat. Dort ist jetzt auch das Schild angebracht. Der gerade 80 Jahre alt gewordene Martin Buscher berichtete aus eigener Erinnerung, dass "seit 1942 in den Gebäuden der Fortinwerke Gefangene untergebracht wurden". Es habe sich um Polinnen, Russinnen und Ukrainerinnen gehandelt.

"Ab Mitte 1942 mehrten sich die täglichen Luftangriffe auf den Kaldenkirchener Bahnhof und die Bahnstrecken. Zur Absicherung gegen die Luftangriffe wurde ab Ende 1942 bis zur Evakuierung gegen Ende 1944 vor dem Einmann-Bunker ein Reichsbahn-Flakzug abgestellt. Es handelte sich um mehrere Waggons mit jeweils einem bis zwei sogenannten Vierlingsflaks. Es gab drei Einmannbunker. Ich habe mehrfach Schutz gesucht gegen Jagdbomber, so dass ich mir sicher bin, dass es sich hier nicht um einen Abstieg in ein unterirdisches Gewölbe gehandelt hat", so Buscher.

Die Gefangenen seien von Militär bewacht worden. "Am Eingangstor zum Fortingebäude befand sich daher eine Wachstube mit einem sogenannten Schilderhäuschen", berichtet Martin Buscher. Bei den Fortinwerken handelte es sich um einen Lebensmittelbetrieb zur Herstellung von Trockengemüse. Die Gebäude wurden 1948 von den Briten beschlagnahmt, einige Jahre waren GSO-Angehörige (German Service Organisation) dort untergebracht. Nach 1980 wurde der Komplex abgerissen. Die Bunker blieben stehen, ein Stück Geschichte drohte in Vergessenheit zu geraten.

(sa)
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