Nettetal: Engel ohne Flügel: Heidrun Pielens Gespür für den Himmel

Nettetal: Engel ohne Flügel: Heidrun Pielens Gespür für den Himmel

Die Bildhauerin Heidrun Pielen lebt und arbeitet in Schwalmtal. Als Lehrerin wollte sie ihren Schülern ein Engel sein, ihnen Halt geben. Dieses Haltgeben hat sie zu einer Bronzeskulptur inspiriert

"Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein". Auf die Frage nach ihrer Beziehung zu Engeln zitiert die in Schwalmtal und Nettetal lebende und arbeitende Bildhauerin Heidrun Pielen die erste Zeile des bekannten Liedes. Zu den Engeln mit den Flügeln habe sie eher keine Beziehung. "Aber wenn ich auf der Straße, in der Kirche oder unterwegs Menschen treffe, die mein Herz berühren, dann habe ich einen Engel entdeckt."

Heidrun Pielen lebt und arbeitet in Schwalmtal und Nettetal. Foto: Busch

Den Engeln mit Flügeln, groß oder klein, kitschig oder dezent, bunt oder weiß - denen begegnen wir in diesen Wochen kurz vor Weihnachten ja allerorten.

Aber nicht nur in dieser Zeit. Die Engel haben ganzjährig bei vielen Menschen an Zuspruch gewonnen. Nach dem Glauben der katholischen Kirche hat Gott die geistigen Wesen vor Beginn der Zeit aus dem Nichts geschaffen. Diese Lehre wurde durch das Vierte Laterankonzil sowie durch das Erste Vatikanische Konzil bekräftigte.

Als geistige Wesen sind Engel Boten Gottes. Viele Menschen sind mit den Schutzengeln und dem Glauben an sie aufgewachsen, Schutzengel, die ihnen in vielen Situationen Hilfe und Unterstützung vermitteln. Im Jahr 2005, so ergab eine Studie, glaubten etwa zwei Drittel aller Deutschen an die Existenz von Schutzengeln.

Doch zurück zu den Engeln ohne Flügel. In alten Menschen, so Pielen, habe sie oft einen Engel zu spüren vermocht. "Denn was ein alter Mensch mir an Erfahrungen mitteilen kann, das bewegt mich sehr."

Ob sie, Heidrun Pielen auch ein Engel sei?

"Ach, so engelig bin ich eigentlich nicht, " erklärt sie lachend. "Obwohl ... manchmal versuche ich ja schon, ein Engel zu sein." Für ihren schwer erkrankten Mann sei sie sicherlich eine Art Engel gewesen, als sie ihn auf dem Weg der Genesung intensiv unterstützte. Pielen, die Deutsch, Geschichte, Kunst und Textil in Neuss studierte, war lange Jahre in Berlin, Lehrte und Brüggen als Lehrerin tätig. "Meinen Schülern wollte ich auch ein Engel sein, ich wollte ihnen Halt geben, vor allem denen" - und nun zitiert sie einen ehemaligen Schüler - "die es nicht so pralle hatten". "Ich wollte ihnen nicht nur etwas beibringen, sondern jedem das Gefühl geben, dass er ein ganz besonderer Mensch mit einer besonderen Fähigkeit ist." Und in diesem Sinne war sie schon "engelig". Sie erinnert sich an einen Schüler, der "die Aufgabe hatte, einen Nikolaus zu malen. Seine Mitschüler schrien, als sie das Bild sahen. Denn der Nikolaus war blitzblau geworden. Da habe ich ihn unterstützt und ihm gesagt, er dürfe auf jeden Fall einen blauen Nikolaus malen." Engel sein, heißt offenbar, im Kleinen tätig zu werden.

Auch in Pielens Kunst tauchen die geflügelten Wesen auf, doch nennt die Bildhauerin eine solche Arbeit "Übermut" - denn in ihm steckt, so erklärt sie, die Hybis eines Menschen, der sich anmaßt, sich über alles zu erheben und loszufliegen - für Pielen muss ein solches Wesen am Gipfel scheitern.

"Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt", heißt es in Psalm 91, 11,12. "Halt mich" heißt die 28 Zentimeter hohe Bronzeskulptur, der Heidrun Pielen diesen Satz aus dem 91. Psalm zur Seite gestellt hat. Nur eine Hand ist zu sehen, die einen Fuß umfasst. Welch eine wunderbare Vorstellung, dass ein Engel in der Lage ist, einen Menschen zu halten, ihn über "Hindernisse und Stolperfallen" zu tragen. "Fehlt nur noch, dass ich schwebe", schreibt Pielen in einem Text zu der Bronze.

Die Engel haben die Künstler beflügelt, so lange es Kunst gibt. Sie sind dafür verantwortlich, dass Menschen überhaupt ein Bild dieser Geistwesen im Kopf haben. Seien es die kleinen feisten Kinderengel von Raffael, die in einer schieren Flut von Tüchern, Postkarten, Tassen, Tellern und mehr überlebt haben. Seien es die Darstellungen der Erzengel, die seit dem späten Mittelalter in der christlichen Kunst auftauchen, um das Wort Gottes zu verkünden. Da ist sicher vor allem Gabriel bekannt, da er Maria mitteilte, sie werde den Sohn Gottes zur Welt bringen, seien es die brutalen Kirchengemälde, in denen beispielsweise der Erzengel Michael den Drachen tötet, seien es die zahlreichen jubilierenden und musizierenden Engel auf Gemälden und Deckenbemalungen.

Engel waren - vor allem im Mittelalter - notwendige Mittler zwischen der Kirche und den des Lesens unkundigen Gläubigen. Die Darstellungen ersetzten das Wort. Als die Kirche nicht mehr der Hauptauftraggeber für Kunst war, änderten sich die Motive. Im Barock dann wurden die Engel pompös und mehr dekorativ als informativ.

In der zeitgenössischen Kunst ist der Engel nicht mehr ganz so präsent. Auch bei der Künstlerin Heidrun Pielen geht es in "Halt mich" eher um den Gedanken über den Engel als um seine Darstellung.

Als es um die Frage nach der Datierung ihrer Bronzen geht, erklärt Heidrun Pielen, dass sie das gar nicht so genau wisse. Für sie gebe es die Zeit nicht. "Natürlich merke ich, dass die Zeit verrinnt, aber ich laufe ihr nicht hinterher, ich kann sie eh nicht packen." Eigentlich auch ziemlich "engelig", diese Haltung zur Zeit, denn Engel leben außerhalb jeglicher Zeit und auch außerhalb von Raum.

Ob Heidrun Pielen sich gelegentlich Flügel wünsche? "Ja, manchmal schon. Aber nicht, um übermütig zu werden, sondern um Leichtigkeit zu empfinden, um dem allzu Schweren zu entfliehen. Aber ehrlich gesagt: Sie würden mich sehr behindern - mit Flügeln kommen Sie doch nirgendwo mehr hin."

(b-r)