Nettetal: Eltern auf Zeit

Nettetal: Eltern auf Zeit

In aktuell 53 Nettetaler Familien leben dauerhaft Pflegekinder. Für kurzfristige Inobhutnahmen des Jugendamtes stehen 14 weitere Eltern bereit. Danielas (53) und Heinz' (62) jüngstes Pflegekind war bei der Übergabe erst drei Tage alt

Die meisten Pflegekinder bringen nur wenige Habseligkeiten mit, einen kleinen Rucksack und ein Kuscheltier. Danielas und Heinz' jüngste Pflegetochter hatte noch nicht einmal das. Als das Jugendamt sie in die Obhut des Ehepaars gab, war sie erst drei Tage alt. Fast ein halbes Jahr ist das her, an diesem Nachmittag im Februar strahlt die Kleine über das ganze Gesicht. "Sie ist ein Sonnenschein", sagt Daniela, die mit ihrem Mann und den derzeit drei Pflegekindern in Nettetal wohnt. Das Mädchen lacht, spielt mit dem Schnuller. Seine Pflegeeltern umsorgen es, kuscheln mit ihm - doch die gemeinsame Zeit ist begrenzt.

Daniela und Heinz sind nicht die richtigen Namen der 53-Jährigen und ihres 62 Jahre alten Mannes. Vor einigen Jahren zog das Paar aus einer Stadt am nördlichen Niederrhein nach Nettetal, um eine größere Entfernung zwischen sich und die leibliche Mutter ihrer damaligen Pflegetochter zu bringen. "Die Mutter war aggressiv und hat uns nicht in Ruhe gelassen", erzählt Daniela. Nahezu täglich seien sie sich über den Weg gelaufen. Mit dem Umzug wurde auch eine Auskunftssperre eingerichtet. "Damit hat sich das schlagartig geregelt", sagt die 53-Jährige. Die Pflegetochter ist inzwischen volljährig und hat sie zu zweifachen Großeltern gemacht. "Noch immer wohnt sie in der Gegend, um nah bei uns zu sein", sagt Heinz.

Paare wie dieses seien ein Geschenk, sagt Claudia Küppers, Leiterin des Nettetaler Jugendamtes. Daniela und Heinz sind fit und beide zu Hause. Der Pflegevater ist seit einer Weile im Vorruhestand. Für die Pflegekinder hatte er einst sein Büro im Haus geräumt und in den Schuppen verfrachtet. In Nettetal gibt es derzeit 14 Personen, die in der familiären Bereitschaftsbetreuung eingesetzt sind und die kurzfristig und zeitlich begrenzt Pflegekinder aufnehmen. 53 haben Kinder in Vollzeitpflege aufgenommen. Daniela und Heinz machen beides.

Ihre derzeit älteste Pflegetochter kam zu ihnen, als sie neun Monate alt war, der Pflegesohn war drei Jahre. Heute ist das Mädchen zwölf, der Junge elf. "Die bleiben", sagt Heinz. Nur ihre Jüngste, die heute knapp sechs Monate alt ist, müssen sie irgendwann wieder hergeben. Die Bereitschaftspflege dauert in der Regel bis zu einem halben Jahr, sagt Küppers. Haben die leiblichen Eltern ihre Probleme überwunden, können die Kinder mit begleitenden Hilfen in ihre Familien zurück. Meist geht es um Alkohol, Drogen und psychische Probleme. "Manchmal müssen sie erst ihr eigenes Leben wieder auf die Reihe kriegen", sagt Küppers. Es seien Einzelfallentscheidungen, ob und für wie lange ein Kind aus der Familie geholt wird. Doch nicht immer strengt das Jugendamt die Inobhutnahme an. Einige Eltern würden freiwillig um Hilfe bitten, sagt Küppers: "Sie merken, dass sie überfordert sind."

29 Kinder hat das Nettetaler Jugendamt 2017 in der Bereitschaftsbetreuung untergebracht, 66 in Vollzeitpflege. Manchmal wird das eine zum anderen, denn in einigen Fällen regelt sich die Situation in der leiblichen Familie nicht. Dann bleiben die Kinder bei ihren Pflegeeltern oder kommen in eine andere Familie - auch Danielas und Heinz' zwei älteste Pflegekinder sollten eigentlich nur wenige Monate bleiben. Kommt ein Jugendlicher aufgrund seiner Vergangenheit mit der Familiensituation nicht klar, wird er in einer Wohngruppe untergebracht. "Dort können sich manche besser entspannen", sagt Küppers.

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Das Nettetaler Jugendamt gibt es seit 2012. Davor lag die Zuständigkeit für den Pflegedienst innerhalb der Stadt beim Kreis. Seitdem arbeitet das Jugendamt mit dem Pflegekinderdienst des Sozialdienstes katholischer Frauen (SKF) in Viersen zusammen. Diesen gibt es seit 1977. Er entscheidet, welches Kind in welche Familie kommt, hilft, falls Pflegeeltern an ihre Grenzen kommen, sagt Claudia Seidelmann vom SKF-Pflegekinderdienst.

Potenzielle Pflegeeltern müssen flexibel sein und sich auf vieles einlassen können, sagt Seidelmann: "Das muss man wollen." Wichtig seien stabile Familienverhältnisse, denn "das brauchen die Kinder, weil sie es bei ihren leiblichen Eltern eben nicht hatten", sagt Küppers. Zudem dürfen die Pflegeeltern nicht finanziell vom Pflegegeld abhängig sein. Für ein Kind in der Vollzeitpflege zahlt das Jugendamt den Pflegeeltern monatlich 243 Euro sowie Unterhalt für das Kind. Für Kinder in der Bereitschaftspflege ist der Betrag dreimal so hoch zuzüglich Unterhalt. "Das Geld ist am Ende des Monats weg", sagt Heinz.

Als Daniela und er sich dafür entschieden, fremden Kindern ein Zuhause zu geben, hatten sie "den ganzen langen Weg" hinter sich, berichtet die Pflegemutter. Nachwuchs stellte sich nicht ein, das Paar sprach über künstliche Befruchtung. "Meine Frau ist eine geborene Mutter", sagt Heinz. Die beiden entschieden sich gegen den medizinischen Weg und für ein Pflegekind: ein 13-jähriges Mädchen aus Russland. "Es brauchte eine Mama, die zu Hause war und regelmäßig Essen machte", sagt Daniela.

Obwohl die Pflegeeltern seitdem viel durchgemacht haben, sind sie zufrieden. "Für uns ist es der schönste Job der Welt", sagt die 53-Jährige. Rund zehn Kinder haben sie und ihr Mann in den vergangenen 15 Jahren in Bereitschafts- und Vollzeitpflege bei sich aufgenommen. Dass es nur so wenige Menschen gibt, die das Gleiche tun, sei schade, finden sie. "Man sollte sich einfach darauf einlassen", sagt Daniela. "Zu sehen, wie die Kinder in nur wenigen Wochen erblühen, sich Gesichtszüge und das Verhalten ändern, das ist unser Lohn." Wie sie damit umgehen wird, wenn ihre Jüngste wieder zu ihrer leiblichen Familie gebracht wird? "Wenn ich weiß, dass die Kinder in ein gutes Zuhause kommen, ist es überhaupt kein Problem, sie wieder abzugeben." Sie lächelt. "Und es kommen ja auch wieder neue. Man hat kaum Zeit für den Hausputz."

(RP)