Nettetal: Eine Straße von West nach Ost

Nettetal: Eine Straße von West nach Ost

In der Leuther Sektion Schwanenhaus, an der Grenze zu den Niederlanden, begann einst die Reichsstraße 7. Heute ist sie die Bundesstraße 7 und etliche Kilometer kürzer. Sie beginnt nicht einmal mehr an der Grenze.

Die Bundesstraße 7 – kurz B 7 – macht der Bundesrepublik eine schlanke Taille. Zumindest wenn man ihren Verlauf auf einer Straßenkarte von West nach Ost verfolgt. Allerdings ist sie seit geraumer Zeit ein innerdeutscher Torso. Die ursprüngliche Reichsstraße 7 begann am Leuther Grenzübergang Schwanenhaus, den die Kaldenkirchener immer recht keck auf alten Postkarten und in schriftlichen Dokumenten als „ihren“ Grenzübergang deklariert haben. Vor einigen Jahren verlegten die zuständigen Behörden den Start der Straße einige Kilometer weiter nach Osten. Die B 7 beginnt seither am Kreisverkehr zwischen Kaldenkirchen und Breyell im Kreuzungsbereich mit der B 221. Die einstige Venloer Straße heißt heute hier „An der Kleinbahn“. Aber die gibt’s auch nicht mehr.

Ende in Rochlitz

Ihr Ende in Rochlitz bescherte der Stadt Nettetal nach der „Wende“ mit dem Untergang der DDR eine Freundschaft zur sächsischen Stadt Rochlitz. Im Nachbarort hatten ein Pfarrer und ein Junge schon vor dem 9. November 1989 nachgeschaut, wo die B 7 im Westen an der „holländischen“ Grenze endete. Auf einigen Abschnitten trägt die B 7 in der Mitte Deutschlands übrigens daher die Bezeichnung „Holländische Straße“.

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Als sie noch eine Reichsstraße war, führte die R 7 weiter quer durch Sachsen nach Dresden zur Reichsstraße 6. Der Abschnitt zwischen Chemnitz und Dresden trägt heute die Nummer B 173. Immerhin darf die B 7 für sich in Anspruch nehmen, in Teilabschnitten als „eine der ältesten Kunststraßen in Westdeutschland“ gelten zu dürfen. Das behauptet das Wissensportal „Wikipedia“. Zwischen Wuppertal und Hagen ist die B 7 bereits 1788 fertiggestellt worden. Nur zwei Jahre zuvor war Preußenkönig Friedrich II. („der Große“) gestorben.

Die B 7 erzählt viele Geschichten, wenn man sich auf sie einlässt. Sie ist ein Zeugnis früher Mobilität und sie war der Nervenstrang eines internationalen Wirtschaftsgeflechts mit Zollstationen und Speditionen auf beiden Seiten der Grenze. In loser Folge wird die Rheinische Post versuchen, einige lokale Geschichten zu erzählen. Viele steinerne Zeugen dieser Vergangenheit sind heute entweder umgestaltet oder vollständig verschwunden.

Der historische Grenzübergang Schwanenhaus dient heute nur noch Radwanderern und – leider – immer mehr jungen Drogentouristen, die glauben, sie müssten der hiesigen Lebenswirklichkeit durch die Verlockungen einer Scheinwelt entgehen, indem sie Haschisch und Marihuana konsumieren oder illegal über die Grenze bringen. Erzählen wird die Serie über die B 7 von der Ton-Industrie, Manufakturen, Bahngesellschaften, Wirtshäusern hüben wie drüben, alten Zollstationen, oder einem Ordenshaus, das mal Höhere Mädchenschule und dann Lungenheilstätte war und heute Behinderte betreut.

(RP)
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