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Nettetal: Ein Leben fast ohne fremde Hilfe

Nettetal : Ein Leben fast ohne fremde Hilfe

Der Blinde Peter Gladbach aus Lobberich nimmt die Welt auf andere Weise wahr. Unterwegs ist er stets mit einem langen Blindenstock. Der 65-Jährige engagiert sich für andere Blinde und Sehbehinderte.

Immer auf Achse. Mal zu einer Sitzung im Rathaus, dann auf Recherchen für einen Magazin-Bericht. Peter Gladbach aus Lobberich ist blind. Wenn er mal zu Hause ist, sitzt er meist an seinem Schreibtisch. Wie jetzt. Er lächelt. Dreht den Kopf zum Gesprächspartner, als suche er den Blickkontakt. Dabei sind seine Augenlider halb gesenkt, sein linkes noch mehr als sein rechtes: "Ich seh' gar nix, ich nehme die Welt anders wahr", sagt der 65-Jährige. Und stellt gleich klar: "Ich bin kein Sehbehinderter, ich bin ein Blinder."

Am Schreibtisch hat er ein Headset mit Kopfhörern und ein Mikro auf. "Hier ist mein kleines Studio", erklärt Peter Gladbach und zeigt auf seinen Computer. Mit Monitor und Scanner, Tonanlage und Lautsprechern. Vor der üblichen Tastatur noch eine kleinere. "Darauf ist alles in Braille-Schrift, das ist die Punktschrift für Blinde." Auch auf Medikamentenpackungen, auf den Hüllen von Hörbüchern ertastet er so den Inhalt. Jede Tastenkombination, die er am Computer eingibt, jede Seite, die er im Internet aufruft, bekommt er gleichzeitig zu hören: Eine spezielle Software wandelt alles in Sprache um, die ihm über Lautsprecher übermittelt wird: "Enter, E-Mail, Posteingang ..." Peter Gladbach hebt den Zeigefinger: "Ach, eine E-Mail von Bernd", registriert er.

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Viel Zeit verbringt er in seinem Studio: "Unterwegs habe ich immer mein kleines Aufnahmegerät dabei, meine Berichte werden dann hier am Computer in Texte umgewandelt, ich bin sozusagen ein kleiner Amateurreporter, mache Berichte für ein Blinden-Fachmagazin, etwa von meinen Reisen, was ich so erlebe." Der Rentner, der in Bergisch Gladbach geboren wurde und bis 2005 beim Autozulieferer Pierburg arbeitete, ist zudem im Blinden- und Sehbehindertenverband aktiv und als sachkundiger Bürger im Sozialausschuss; zu seinen Hobbys gehören Kegeln und Reisen. Auch im Nettetaler Netzwerk für behinderte Menschen ist er engagiert, war mit einer Arbeitsgruppe in allen Stadtteilen unterwegs, um Barrieren für Behinderte aufzuspüren. Mitunter eine komplizierte Angelegenheit: Bordsteine, die etwa für Rollstuhlfahrer abgesenkt werden, könnten für Blinde zu niedrig sein, um sie mit dem Stock zu ertasten.

Meist ist Peter Gladbach mit seiner sehenden Frau Hedwig unterwegs, oft aber auch allein. Dann hat er seinen langen Blindenstock dabei: "Den muss ich locker aus dem Handgelenk halten, damit ich leicht Hindernisse fühle." Einige Male ist er trotzdem gefallen: "Wege, die mir nicht vertraut sind, können schwierig sein." So sind Blinde wie Peter Gladbach mitunter auf Hilfe angewiesen: "Im Bus zum Beispiel kann ich gefahrlos nur vorne aussteigen, wenn ich darum bitte, ist das meist kein Problem."

Vieles, was er nicht sieht, hört oder fühlt er umso mehr: "Ich glaube schon, dass sich die Sinne verändern, dass ich zum Beispiel bewusster und besser höre." So sitzt er abends neben seiner Frau vor dem Fernseher. Nimmt die Programme auf seine Weise wahr: "Ich hör' ja alles", sagt Peter Gladbach und lächelt.

(jobu)