Diskussion um Standorte der Rettungswachen im Kreis Viersen

Gutachten : Zentrale Rettungswache in Breyell-Gier?

Während der Sommerferien beschäftigen sich die Fraktionen des Stadtrates mit dem Vorschlag, eine neue Rettungswache in Breyell-Gier zu bauen und die Standorte in Lobberich und Kaldenkirchen zu schließen

Reichlich Lektüre hat die Verwaltung den Stadtverordneten mit in die parlamentarische Sommerpause gegeben: 203 Seiten „Sachverständigengutachten zur rettungsdienstlichen Bedarfsplanung von Rettungswachenstandorten und der Fahrzeugvorhaltung im Kreis Viersen“ sowie 26 Seiten Stellungnahme der Stadt dazu.

Quintessenz: Der Gutachter schlägt vor, eine neue Rettungswache in Breyell-Gier zu bauen und die jetzigen Standorte in Lobberich (Krankenhaus) und Kaldenkirchen zu schließen; das lehnt die Verwaltung rundweg ab. In der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Öffentliche Sicherheit und Ordnung wollten die Parlamentarier dies noch nicht hundertprozentig unterstützen, sondern sich erst einmal in die Papiere – analog oder digital – vertiefen.

Es geht um Minuten. Höchstens zwölf Minuten sollen in ländlichen Gebieten vom Eingang eines Notrufs bis zum Eintreffen eines Rettungsfahrzeuges am Einsatzort vergehen. Zwei Minuten davon werden als „Rüstzeit“ abgezogen, sodass das Fahrzeug höchstens zehn Minuten auf der Straße sein soll. In dieser Hinsicht erhalten die Nettetaler ein gutes Zeugnis, denn der Referenzwert „90 Prozent-Erfüllung“ wird eingehalten.

Das war vor dem Bau der Dependance in Kaldenkirchen am Herrenpfad anders; damals registrierte man für Kaldenkirchen nur 51 Prozent. Für Leuth und Bracht jeweils 71 Prozent. Allerdings fällt auf, dass in einer Rote-Punkte-Karte für Hilfsfristüberschreitungen ausgerechnet Kaldenkirchen hervorsticht. Die Verwaltung moniert, dass diese Punkte-Massierung nicht erläutert wird.

Der Gutachter ist nach zahlreichen Berechnungen zu dem Ergebnis gekommen, dass in Nettetal alles besser werde, wenn eine neue Rettungswache in Breyell-Gier errichtet werde. Von dort aus seien alle Punkte des Stadtgebietes, in Bracht und auch in Boisheim, das nun dazu genommen wird, innerhalb der vorgegebenen Frist erreichbar. Das bezweifeln die Nettetaler, denn sie meinen, der Gutachter habe die Bahnschranke an der Biether Straße nicht ausreichend genug ins Kalkül mit einbezogen.

Sie haben als Beispiel die Züge vom 14. bis 20. Mai gezählt (686) und durchschnittlich vier Minuten Schließungszeit berechnet: Das sind in der Summe 2744 Minuten oder 45 Stunden und 44 Minuten. „Die Einschränkung durch den Bahnübergang war ein Grund für den Bau der Dependance in Kaldenkirchen“, schreibt die Verwaltung und fragt: „Wurde der Bahnübergang (…) berücksichtigt?“

Es folgt ein weiterer Vorwurf: Der Gutachter hätte nur schematisch die „Zwölf Minuten-Marke“ im Auge gehabt, nicht aber medizinische Notwendigkeiten, etwa schnelles Handeln bei schweren Herzinfarkten oder Schlaganfällen. Vor allem Lobberich und Hinsbeck würden schlechter gestellt. Besser als von Gier aus seien diese Stadtteile von Kaldenkirchen aus über die Autobahn und über Landstraßen zu erreichen. Wenn es schon zu einer Konzentration auf eine Rettungswache kommen müsse, solle man deshalb den Standort Kaldenkirchen ausbauen.

Doch das ist für die Nettetaler Stadtverwaltung eher ein Plan B. Sie hält an einem Neubau der Rettungswache in Lobberich fest mit der Beibehaltung der Dependance in Kaldenkirchen. Sie will auch weiterhin Träger der Rettungswache bleiben – diese will der Gutachter auf den Kreis übertragen – und mahnt die Politik, auf die Anschaffung des dringend benötigten dritten Rettungsfahrzeuges (RTW) hinzuwirken.

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