Nettetal: Die Zeit in Bolivien wirkt noch nach

Nettetal : Die Zeit in Bolivien wirkt noch nach

Julia Steger arbeitete ein Jahr als "Missionarin auf Zeit" in Bolivien. Die Kaldenkirchenerin half in einem Internat der Steyler Missionare

Der Zug hat Verspätung? Die Freundin lässt bei einer Verabredung auf sich warten? Was andere schnell auf die Palme bringt, kann Julia Steger nicht mehr kümmern. Ein Jahr hat sie als "Missionarin auf Zeit" (MaZ), ein Projekt der Steyler Missionare, im bolivianischen Tiefland verbracht. Und dort hat die junge Kaldenkirchenerin gelernt, dass man sich nicht über alles aufregen muss. "Ich kann jetzt vieles entspannter angehen", hat die 19-Jährige festgestellt. "Das ist beim Bahnfahren total praktisch."

Ein Jahr hat die junge Frau nach dem Abitur in Bolivien verbracht. Viele junge Leute absolvieren in dieser Zeit ein freiwilliges Jahr - die Kaldenkirchenerin entschied sich für ein MaZ-Jahr. Darüber ist sie rückblickend sehr froh, auch deshalb, weil sich die jungen MaZler auch nach der Rückkehr immer wieder treffen, etwas gemeinsam unternehmen. "MaZ hat mir unheimlich viel gegeben", sagt sie, "und das ist auch jetzt noch so. Das ist ein tolles Netzwerk, und ich habe viele neue Leute kennengelernt."

In Bolivien arbeitete die Abiturientin in einem Internat für Kinder und Jugendliche in der Kleinstadt San Ignacio de Velasco. Geführt wird es von Steyler Missionaren. Zwei Häuser gibt es dort: eines für Jungen, eines für Mädchen. Am Stadtrand beginnt der Regenwald. Rundum gibt es in manchen Dörfern Wasser und Strom, in anderen nicht. Fast alle Familien arbeiten in der Landwirtschaft, auch die Kinder müssen dort mit anpacken. Fließendes, sauberes Wasser aus dem Kran - all das gibt es dort nicht überall. "Wir hatten das Glück, dass wir immer Wasser hatten, weil das Dorf an einem See liegt", sagt Julia. Wenn Regen den See aufgewühlt hatte, floss schmutziges Wasser aus dem Kran - aber immerhin Wasser.

Den Kontakt zu Familie und Freunden hielt sie per Internet. Heimweh habe sie nie gehabt, sagt die 19-Jährige. "Vielleicht, weil man weiß, dass man zurückkehren wird?", überlegt sie. "Mir war immer bewusst, dass ich nicht weiß, ob ich jemals wieder nach Bolivien komme. Deshalb wollte ich die Zeit genießen." Der Aufenthalt als MaZ dort habe ihren Blick auf anderen Kulturen verändert, "auch auf meine eigene", sagt Julia. Im Mädcheninternat kochte sie häufig - die Rezepte für bolivianische Gerichte hat sie behalten. Ihr Versuch, ein deutsches Gericht zu kochen, schlug fehl - Geschnetzeltes und Kartoffelpuffer kamen bei den Mädchen nicht an. Viel Zeit verbrachte sie mit den Mädchen im Internat, half bei den Hausaufgaben, hörte zu. Ob sie etwas bewirkt hat? "Ich glaube, dass ich ihnen vermitteln konnte, das Mädchen sich nicht alles gefallen lassen müssen, nur weil sie Mädchen sind", sagt Julia. Im bolivianischen Tiefland sei der Mann der Herr im Haus, dieses Verständnis führe auch zu häuslicher Gewalt. Im Hochland sei das anders, dort hätten die Frauen das Sagen.

Im Sommer 2015 verließ Julia das Elternhaus in Kaldenkirchen und flog nach Bolivien. Ein Jahr später kehrte sie zurück und zog sofort zu Hause aus. Jetzt studiert sie in Bielefeld Soziologie und hofft, dass sie nach ihrem Bachelor-Abschluss in zwei Jahren nach Bolivien zurückkehren kann. Nach dem Studium würde sie gern für ein Hilfswerk arbeiten, das in Lateinamerika tätig ist. Dafür will sie jetzt ihre Spanisch-Kenntnisse ausbauen. Denn sie hat zwar gelernt, sich mit den Menschen im Tiefland zu unterhalten, doch mit der Schriftsprache hapert es noch. Auch hört sie noch häufig spanische Musik, "wahrscheinlich zum Leidwesen meiner Mitbewohner", sagt Julia und lacht.

(RP)
Mehr von RP ONLINE