Die Scheune in Leuth: Enkelkinder eines Kriegsgefangenen zu Besuch

Leuth : Wo Grand-Père den Krieg überlebte

Enkelkinder wollten die Scheune in Leutherheide sehen, wo sich der französische Kriegsgefangene Victor Le Vallois auf der Flucht vor den Nationalsozialisten verstecken konnte.

Die kleine Scheune in Breyells Ortsteil Leutherheide gibt es immer noch, doch ist sie längst nicht mehr ein wichtiges Gebäude für den Bauernhof von Hubert Aengenoordt – für den einstigen Bauernhof, denn dieser existiert auch nicht mehr: Er ist ein schnuckes Wohnhaus, die Scheune dient als Abstellraum. In dieser Scheune hat vom Herbst 1944 bis zum Kriegsende Anfang März 1945 der französische Soldat Victor Le Vallois gelebt. Hubert Aengenoordt, damals 50 Jahre alt, hat ihn dort versteckt, nachdem er plötzlich auf seinem Hof aufgetaucht war – auf der Flucht aus dem Strafgefangenenlager (Stalag) 518-440 in Lünen.

Hubert Aengenoordt ging damals ein hohes Risiko für sich und seine Familie ein, denn die Unterstützung des Feindes war mit hohen Strafen, wenn nicht gar mit dem Tode bedroht. Doch er schaffte es, Victor vor der Geheimen Staats-Polizei (Gestapo) oder Denunzianten hinter Maschinen oder unterm Heuhaufen zu verstecken. Und wenn ein Leutherheider etwas gemerkt haben sollte, dann hielt er „dicht“. Das war nicht so einfach, gab es doch im kleinen Leutherheide eine Familie, die auch schon früh Leuth mit einer Ortsgruppe der NSDAP „nationalsozialisierte“. Es ging alles gut; Victor machte sich nach dem Einmarsch der US-Truppen im März auf den Heimweg und kam im April 1945 wieder in Avranches an – am südwestlichen Ende der Normandie nahe dem Mont-Saint-Michel.

Victor hat seinen Beschützer Hubert nie vergessen. So nahm er später Kontakt mit ihm auf, doch haben sich beide nie wiedergesehen. Dafür aber fuhr Huberts Enkel Erhard Backes mit seiner Frau Karin 1983 nach Arranche, nachdem sie zuvor an einem Treffen in der Nettetaler Partnerstadt Caudebec-en-Caux teilgenommen hatten. „Das war dann ja nur noch ein Katzensprung“, erinnert sich Erhard Backes, der damals Victor noch erlebte (gestorben 1992) und auch dessen 15 Jahre alte Tochter Christine kennen lernte.

Treffen der Enkelgeneration (von links): Karin Backes, Félicia, Pierre, Lisa, Erhard Backes, Christine Hinet.               . Foto: privat

Diese tauchte vor einigen Jahren am Backes-Wohnhaus in Ritzbruch auf, doch niemand öffnete: Backes waren in Urlaub. Doch diesmal klappte es: Christine Hinet brachte auch ihre Kinder Lisa, Félicia und Pierre mit. „Ich wollte, dass die Kinder in die Fußstapfen des Großvaters treten und sehen, wo er überlebt hat“, sagt sie und fügt hinzu, dass Victor in den 1980er Jahren noch plante, an den Niederrhein zu kommen, aber „unglücklicherweise wurde daraus nichts wegen einer Erkrankung“.

Für Enkelin Félicia, die gegenwärtig als Au-Pair bei einer amerikanischen Familie in Kaiserslautern tätig ist, war es wichtig, „den Spuren des Großvaters zu folgen und die Familie von Erhard kennen zu lernen, die meinen Großvater gerettet hat“. Nach Nettetal zu kommen, sei für die Familie „eine Pflicht der Erinnerung und Anerkennung“. Sie hat aus den Erzählungen der Mutter „eine Leidenschaft für seine Lebensgeschichte entwickelt“ und ist nun froh, dass sie eine wichtige Station seines Lebens gesehen hat.

Gesehen haben Tochter und Enkelkinder nicht nur die Umgebung um den einstigen Aengenoort-Hof herum, sie machten auch Radtouren rund um die Netteseen – Ziele, die damals für den Stalag-Soldaten Victor de Vallois nie erreichbar waren.