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Nettetal: Die Literatur nie einem städtischen Spardiktat geopfert

Nettetal : Die Literatur nie einem städtischen Spardiktat geopfert

Vor 25 Jahren wurde der Anbau an das ehemalige Breyeller Rathaus fertig. Die Stadtbücherei Nettetal hat sich im Laufe der Jahre von der Ausleihe weiterentwickelt zu einem Dienstleistungsbetrieb in Bildung.

Es war keine Selbstverständlichkeit, als vor 25 Jahren der Anbau der Stadtbücherei in Breyell eingeweiht wurde. Nicht jeder Politiker und Bürger mochte einsehen, dass die Stadt ein vergleichsweise großes und in jeder Hinsicht ehrgeiziges Kulturprojekt verwirklichte. 25 Jahre später erinnerten sich die damaligen Kulturpolitiker Walter Karnatz (CDU) und Renate Dyck (SPD) daran, dass sie über Fraktionsgrenzen hinweg beharrlich für die Bücherei gearbeitet hatten.

In Breyell gab es ab 1950 eine Volksbücherei mit dem bescheidenen Bestand von 200 Büchern. Im Februar 1973 zog sie in das alte Rathaus an der Lobbericher Straße 1 um. Mit einer Nebenstelle in Kaldenkirchen wurde sie die städtische Bibliothek für Nettetal - parallel zu Borromäus-Büchereien der katholischen Pfarrgemeinden. Schon 1975 standen über 20 000 Bände zur Verfügung. Seit 1989 hat die Bibliothek 471 487 Entleiher jeden Alters gezählt. Hinzu kommen viele, die Information in Büchern nachschlagen, das Internet aufsuchen oder eine Zeitschrift oder Zeitung lesen.

"Die Verantwortlichen haben damals die Bedeutung einer gut ausgestatteten Bücherei für die Zukunft einer Gemeinde erkannt", meint Büchereileiter Ulrich Schmitter, der 1983 als "Büchereifachkraft" eingestellt wurde. Die Verantwortlichen waren Walter Karnatz als Vorsitzender des Kulturausschusses und seine Stellvertreterin Renate Dyck, die im Stadtrat erfolgreich für den Neubau warben. Der Kölner Walter von Lom gewann den Architektenwettbewerb mit einer Stahl-Glas-Konstruktion hinter dem alten Rathaus. Die bewusste Kombination von Alt- und Neubau fasziniert bis heute. Mit dem Gebäude wurde das Konzept der Bibliothek geändert. Sie diente nicht mehr nur der Buchausleihe, sondern vollzog den Wandel hin zu einem modernen Dienstleistungszentrum. Mittlerweile stehen mehr als 42 100 Medieneinheiten zur Verfügung. In der Vergangenheit haben 251 Autorenlesungen für Kinder und nahezu 700 für Erwachsene stattgefunden.

Im Jahr 1995 gründete sich der Verein "Nettetaler Literaturtage", eine Initiative der Stadtbücherei mit den Nettetaler Buchhandlungen. Seit 1986 ist die Bibliothek für die Ausschreibung und Organisation des Nettetaler Literaturpreises zuständig. Er wurde im vergangenen Jahr zum 13. Mal verliehen, dazu gibt es den Publikumspreis.

Die Stadtbücherei vergibt das "Eselsohr" für das beste Jugendbuch des Jahres, initiiert seit Jahren ein Ferienprogramm für Kinder und Jugendliche, hat eine Wartezimmer-Bibliothek in allen Nettetaler Kinderarztpraxen eingerichtet, den großen Pool der Lesepaten für die Nettetaler Kindergärtenden ins Leben gerufen, den Mini-Buch-Club-Bücherbabys und die Onleihe-e-books soeben eingeführt. Die Liste ließe sich fortführen.

Ulrich Schmitter will die Bibliothek als Ort der kulturellen Begegnung und des Dialogs pflegen. "Sie bleibt ein realer Ort im digitalen Zeitalter", unterstreicht er. Allerdings zeichne sich der demografische Wandel in der Bibliotheksarbeit ab. "Die 50-Plus-Leser sind mehr geworden", haben Schmitter und seine sechs Mitarbeiterinnen festgestellt.

Walter Karnatz schlägt vor, im Zuge einer Instandhaltungsarbeit "die klimatischen Bedingungen gerade im Obergeschoss" zu berücksichtigen. Es kann sehr heiß werden unter dem Dach, das in den Anfängen das "Theater unterm Dach" beherbergte.

Ulrich Schmitter freut sich sehr darüber, dass seit Bestehen der Bibliothek Einigkeit in allen politischen Lagern besteht: Die Bibliothek solle trotz aller Sparmaßnahmen erhalten bleiben. Dies sei ein hohes Privileg, sagt er mit Blick in andere Städte und Gemeinden, wo Bücherbusse eine feste Bibliothek ersetzen. Eine Feier zum Geburtstag des Neubaus gebe es nicht, "wir feiern erst den 30. Geburtstag", so Schmitter.

(ivb)