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Nettetal: Das ganze Leben ein langer Tanz

Nettetal : Das ganze Leben ein langer Tanz

In der Alten Kirche in Lobberich proben Tänzerinnen der Ballettschule Annette Schulz für ihre neue Aufführung. Drei Ballettabende stehen unter dem Titel "Aufstehen — Auferstehen — dem Leben in die Arme laufen"

Der Steinfußboden in der Alten Kirche wirkt abgenutzt. Tausende von Schritten haben ihn im Laufe der Jahre abgewetzt und geschliffen. Nicht minder angegriffen sind die Wände. Der Putz ist lose, hier und da bröckelt er ab und gibt den Blick frei aufs Mauerwerk, das freilich noch stabil wirkt wie eh und je. Annette Schulz, Inhaberin einer Ballettschule in Boisheim, liebt diesen Ort. "Die Alte Kirche in Lobberich ist für mich ein Sinnbild, dass man bei allen Verletzungen, allen Rückschlägen doch fest im Leben stehen kann", sagt sie. Deshalb sei diese Kirche der ideale Ort für die Ballettaufführung mit dem Titel "Aufstehen - Auferstehen - dem Leben in die Arme laufen".

Bei der Probe tanzen an diesem Morgen junge und ältere Frauen durchs Kirchenschiff. Sie halten inne und sinken herab, kauern auf dem Boden, recken sich hoch, lassen sich fallen, liegen am Boden und rappeln sich auf, schwingen sich empor - getragen und beflügelt von Tschaikowskys Walzerklängen. Bis Schulz die Off-Taste der Musikanlage drückt. Die Musik stoppt abrupt, die Tänzerinnen stehen still. "Sehr gut, aber bitte alles was fließender, leichter", bittet die Ballettlehrerin. Das Aufstehen, das Auferstehen zum Leben müsse noch lebendiger, noch anschaulicher wirken.

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Schulz erklärt: "Ums Aufstehen geht es. Darum, dass gerade Frauen im Leben oft Situationen erleben, die sie niederdrücken können, Scheitern, Trennung, Trauer etwa, und dass es für sie doch immer wieder Hoffnung geben kann." Nichts anderes sei Auferstehung: "In fast allen Sprachen gibt es ein und dasselbe Wort für Aufstehen und Auferstehung, nur im Deutschen noch ein zweites für Auferstehung."

So oder so: Für Aufstehen oder Auferstehung habe vor allem die Bibel viele schöne Beispiele, die in den Tänzen - übertragen in unsere Zeit - zur Aufführung kommen. Im Lukas-Evangelium beispielsweise wird von einer Frau mit gekrümmtem Rücken erzählt. Sie ist niedergedrückt, gebeugt, gebeutelt von einem Dämon - bis Jesus sie erlöst von ihrem Leiden. Gerade solche Szenen mache die Bibel für alle, Frauen wie Männer, so lebensnah, realistisch und hoffnungsvoll, erklärt Schulz. Da müsse man kein Kirchgänger und kein Christ sein, um diese Hoffnung zu spüren.

Wie selbst Verlust und Trauer in der Suche nach dem Sinn des Lebens münden, zeigt in der Szene "Zurückgelassen" eindrucksvoll die Tänzerin Petra Wolters: Im blauen Gewand liegt sie unten auf dem Boden. Dann geht es hinauf, hinaus, sie hascht nach der verstorbenen Freundin, greift taumelnd nach Trost und Hoffnung, rafft sich schließlich auf, klammert nicht. Schwungvoll drückt sie im Tanz aus: "Ich mache was aus meinem Leben."

Die 56-Jährige gehört zu den erfahrenen Solistinnen im Ensemble. 32 Tänzerinnen zwischen 16 und 62 Jahren gehören dazu, sie stammen aus Viersen, Nettetal und Umgebung. Seit Monaten proben die Frauen für die drei Aufführungen, die Ende März in der Alten Kirche stattfinden. Geprobt wird bei nicht immer leichten Bedingungen: An diesem winterlichen Morgen ist es mit 17 Grad recht kühl in der Alten Kirche, der Steinfußboden ist sehr kalt. Für Petra Wolters, die barfuß tanzt, ist das kein Problem: "Wenn du dich in dieses Thema ,Aufstehen im Leben' hineinfühlst, wenn du selbst solch eine Situation erlebt hast, wenn du genau das tanzt, dann zählt alles andere nicht mehr", sagt die Tänzerin.

In solch einem "Tanz des Lebens", hofft Annette Schulz, werden die Zuschauer an den Ballettabenden "ihre eigenen Erfahrungen entdecken und ihre Hoffnungen". Und das in der Geborgenheit der Alten Kirche, die mit ihrem bröckelnden Putz etwas widerspiegelt von Spuren des Lebens.

(jobu)