Bürgermeister Christian Wagner aus Nettetal im Sommerinterview

Interview mit Nettetals Bürgermeister Christian Wagner : „Das PCB hat niemand gerochen“

Der Bürgermeister im Gespräch über die Sanierung der Werner-Jaeger-Halle und die neue Verwaltungsstruktur.

Es ist politische Sommerpause. Fühlt sich das für Sie mehr nach Jahresende an als im Dezember?

Wagner (lacht) Bei der Ratssitzung am 12. Juli 2018 ist eine Menge passiert, wovon wir bis jetzt einige Dinge rund bekommen haben. Zum Beispiel haben wir vor einem Jahr den Ersten Beigeordneten Armin Schönfelder verabschiedet. Jetzt ist mit Michael Rauterkus als Nachfolger und den neuen Geschäftsbereichsleitern die Erneuerung der Führungscrew abgeschlossen, wir sind vollständig.

Warum war die neue Verwaltungsstruktur notwendig?

Wagner Wir mussten die Situation nutzen, um mal Dinge anders zu machen. Die Spannbreite des Technischen Dezernats war einfach zu groß geworden. Dabei ist es notwendig, beim Nettebetrieb auf Umsetzung zu setzen.

Wie meinen Sie das?

Wagner Die Vorgängerin hat mit persönlicher Power und Engagement viel geleistet, aber die Struktur ging verloren. 2008 ist der Nettebetrieb mit ihr gegründet worden, seitdem gab es eine Verdreifachung des Aufgabenvolumens. Gerade im Hochbau ist es hochgegangen. Jahrelang haben wir Kitas gebaut, jetzt haben wir Nachholbedarf im Straßenbau. Die Intensität der Aufgaben ist gestiegen, und wir entwickeln uns weiter.

Ist der neue Erste Beigeordnete Michael Rauterkus, in dessen Bereich nun auch der Nettebetrieb fällt, dafür der Richtige?

Wagner Es ist erstaunlich, wie schnell er sich menschlich in das Team und fachlich in seine Aufgaben eingearbeitet hat. Er ist jemand mit einem hohen Engagement und einer, der die Identifizierung mit der Stadt Nettetal lebt.

Die Sanierung der Werner-Jaeger-Halle soll deutlich teurer werden als gedacht. Hätte man das vorher wissen können?

Wagner Ich weiß nicht, ob man es hätte wissen können, aber für die Transparenz des Projekts wäre es sicher besser gewesen. Im Herbst 2014 war das Thema Asbest abgearbeitet, und der Architekt hat eine vorläufige Kostenschätzung aufgestellt mit dem Hinweis, dass noch ein Schadstoffgutachten gemacht werden muss.

Warum wurde es nicht damals gemacht?

Wagner Ich kann niemandem vorwerfen, dass es damals nicht gemacht wurde, vielleicht wäre es auch nicht von der Politik gutgeheißen worden. Warum hätte man die Kosten vor der Grundsatzentscheidung über Abriss oder Neubau investieren sollen? Ich kann nicht beurteilen, ob Fachleute ohne Gutachten hätten antizipieren müssen, dass in der Farbe der Stahlträger im Dach PCB steckt. Das hat niemand gerochen.

Ein weiterer teurer Punkt ist die technische Gebäudeausstattung.

Wagner Die Klimatechnik ist ein großer Kostenpunkt. Wir haben auch noch die Möglichkeit: Wir machen eine Schmalspurlösung, dann ist es im Sommer heiß und im Winter kalt. Kann man machen, aber das muss ja nicht sein. Ich verstehe auch nicht, warum Abriss und Neubau günstiger sein soll. Es muss die gleiche Technik eingebaut werden.Wir werden das jetzt ein zweites Mal prüfen lassen.

Verstehen Sie die jetzige Kritik an Vorgehen und Projekt?

Wagner Es war unglücklich, dass wir die Neubaukosten nicht intensiver plausibilisiert haben. Das hätte man aufbohren müssen. Ich verstehe das Unverständnis beim Bürger, dass man nun zu einer ganz anderen Zahl gekommen ist. Wir waren selbst überrascht von der Zahlensituation im Frühjahr. Jetzt müssen wir eine Schleife drehen und noch mal genau gucken. Das sind wir schuldig.

Von manchen Projekten hat man länger nichts mehr gehört. Wie steht es beispielsweise um den geplanten Neubau des Lehrschwimmbeckens in Breyell?

Wagner Es ist einst eine Machbarkeitsstudie mit dem Architekten gemacht worden. Aber es ist komplex: Auf EU-Ebene sind vergaberechtliche Vorschriften verändert worden, die NRW auch auf Landesebene umsetzen wollte. Dadurch ist es nicht mehr möglich, dass der Architekt, der die Machbarkeitsstudie erstellt hat, auch das neue Lehrschwimmbecken plant und baut. Ausnahmeregelungen sind gestrichen worden.

Was bedeutet das nun?

Wagner Wir müssen die Situation aufbereiten und sind in der Umsetzung. Vorbereitende Arbeiten mit Grünschnitt sind gemacht worden. Ich denke, es ist nicht verkehrt, wenn nun ein Dritter auf die Studie guckt.

Wann geht es also los?

Wagner Wir planen, Ende 2019, Anfang 2020 zu bauen. Alle anderen Vorgaben sind erfüllt, und es ist ja auch kein Hexenwerk. Ich bin zuversichtlich, dass wir die Kinder 2020/21 dort zum Schwimmen bringen.

Und wie steht es um das derzeitige Bad?

Wagner Jetzt hält’s im Moment. Wir hoffen, dass wir die Zeit bis zur Fertigstellung des neuen Beckens überbrücken.

Wie ist der Stand beim geplanten Rathaus-Anbau?

Wagner Wir sind jetzt zwei Jahre weiter und wollen mit dem Rat nach der Sommerpause schauen, ob die Pläne von damals noch umsetzbar sind.

Was hat sich verändert?

Wagner Die Mitarbeiter fordern heute andere Dinge ein als noch vor ein paar Jahren, zum Beispiel mobiles Arbeiten, also Homeoffice, und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir müssen eine Ist-Analyse machen, was genau wir brauchen.

Also kann es auch sein, dass der Anbau gar nicht kommt?

Wagner Wir werden mehr Mitarbeiter haben und brauchen für sie Büros. Und wir werden nicht alles hier unterbringen können. Wir müssen also erst mal die Räume der Volksbank weiter nutzen und vielleicht noch etwas anmieten. Mal gucken.

Ein Thema, das sich im vergangenen Jahr positiv entwickelt hat, ist das Gewerbegebiet Nettetal-West in Kaldenkirchen.

Wagner Nachdem wir ein bis anderthalb Jahre dafür große Kraftanstrengungen unternommen haben, können wir den Erfolg nun in der Sommerpause sacken lassen. Wir sind sehr froh, das Turn-around geschafft zu haben. Gutes zieht Gutes an.

Haben Sie dort inzwischen überhaupt noch Flächen zum Vermarkten?

Wagner Wir haben tatsächlich jetzt das Problem, dass es weniger große zusammenhängende Flächen gibt. 14 der 27 Hektar sind vermarktet. Wir hätten vor einem Jahr nicht damit gerechnet, dass wir nun schon in die Entwicklung weiterer Flächen gehen müssen. 30 Hektar stehen dafür noch zur Verfügung.

Wenn der Kreis Viersen seine geplante Müllumladestation dort baut, wird wie einst vereinbart auch ein städtischer Wertstoffhof dazukommen?

Wagner Sollte es in ein bis zwei Jahren vom Kreis entschieden werden, dass das Logistikzentrum gebaut wird, werde ich den Rat um eine Entscheidung bitten, ob wir den Wertstoffhof noch bauen wollen, wie es damals die Forderung in der Politik war. Wir haben mit dem Kreis vereinbart, dass er uns ein Zeichen gibt, bis wann wir diese Entscheidung treffen können.

Was wollen Sie hinsichtlich der geplanten Filialschließungen der Sparkasse unternehmen?

Wagner Wir bleiben dabei, dass wir Automaten in den betroffenen Stadtteilen als Minimum sehen. Vielleicht ist bargeldloses Bezahlen irgendwann Standard, aber jetzt ist noch eine andere Zeit. Darum ist es von uns auch eine kompromisslose Forderung, zumindest die Grundversorgung in Schaag, Hins­beck und Leuth aufrechtzuerhalten. Und es wäre bedenklich, wenn die Sparkasse zugrundegehen würde, lediglich weil sie drei Automaten vorhält.

Der Rat hat jüngst beschlossen, nicht den Klimanotstand auszurufen, sondern Nettetal zur klima­freundlichen Stadt zu erklären. Was passiert nun?

Wagner Wir wollen eine bessere Darstellung für das Cradle-to-­cradle-Konzept finden und ressourcenschonend in sämtlichen Prozessen sein, nicht nur beim Bauen. Dafür muss man auch Wirtschaftsprozesse umwandeln. Für das Rathaus in Venlo wurden beispielsweise keine Möbel gekauft, sondern der Hersteller musste gucken, was er anbieten kann, damit die Möbel ökologisch sind und später so weiterverwendet werden können, dass sie für ihn wirtschaftlich sind. Man sollte nicht ein Gebäude als Ausgangspunkt nehmen und sich überlegen, wie man das füllt, sondern sich überlegen, was man in zehn bis 15 Jahren benötigt. Wir wollen dieses Thema für Nettetal entwickeln und ein Vorbild sein.

Wie kann das umgesetzt werden?

Wagner Bei Projekten wollen wir genau drauf schauen. Auf einem guten Weg sind wir bei der Kita Trappistenweg, wo wir noch deutlich näher an Cradle-to-cradle sein werden als bei der Kita Felderend vergangenes Jahr.

Das Wort „Notstand“ wollen Sie dabei aber vermeiden?

Wagner Wenn die Sache im Vordergrund steht, muss man nicht das mitmachen, was andere Städte machen und Schluss. Ich fand uns deutlich besser: Wir sind nicht plakativ, sondern wollen Inhalte machen. Es ist ja ein richtiger Wettbewerb zwischen CDU und Grünen darum entstanden, wo wir noch konkreter werden können.

Und dabei stört der Notstand?

Wagner Wir wollten keinen Begriff, der erst mühsam mit Leben gefüllt werden muss. Notstand heißt, dass eine aktuelle Situation durch eine Aktion behebbar ist, zum Beispiel bei einem Hochwasser. Ich finde aber, dass wir ehrlich damit umgehen müssen: Wir werden in einem Jahr beim Klima nicht solche Veränderungen herbeiführen. Es ist ein Prozess, und für den machen wir schon eine ganze Menge, beispielsweise bemühen wir uns um die Zertifizierung „StadtGrün naturnah“, haben uns Cradle-to-cradle verschrieben, und die städtischen Einrichtungen beziehen Ökostrom.

Im nächsten Jahr ist Kommunalwahl. Wollen Sie Bürgermeister bleiben?

Wagner Ich bin sehr gerne Bürgermeister und in der jetzigen Konstellation sehr motiviert. Ich kann persönlich keinen Grund finden, dass ich 2020 nicht antrete. Aber dafür muss die CDU mich aufstellen. Wir werden das in den nächsten Monaten abstimmen.

Beginnt dann schon der Wahlkampf?

Wagner Es ist wichtig, den Bürgern ein bis zwei Monate vor der Wahl nahezubringen, was man geleistet hat, und transparent macht, auf welcher Basis sie ihre Entscheidung treffen. Allerdings sollte man nicht situativ für die Kommunalwahl handeln, sondern immer die Stadtentwicklung im Blick haben, damit man auch keinen hektischen Wahlkampf führen muss.

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