Nettetal: Buch erinnert an Textil-Industrie

Nettetal: Buch erinnert an Textil-Industrie

Wenn die alte Niedieck-Fabrik abgerissen wird, bleiben nicht mehr viele sichtbare Erinnerungen an die Lobbericher Textilindustrie. Das Vermächtnis dieser Wirtschaftsepoche gibt es nun erstmals in einem neuen Buch.

Imposant, fast trotzig, prägt die Niedieck-Fassade immer noch das Bild der Straße, die den gleichen Namen trägt. Doch zur Straßenfront sind viele Fenster verbrettert. Im rückwärtigen Teil des Werksgeländes künden ergraute, mit Graffiti übersäte Außenwände und geborstene Fenster davon, dass hier eine Industrie-Ruine ihrem Ende entgegensiecht. Bald wird der Niedieck-Komplex und mit ihm das monumentale Zeugnis der einst glorreichen und in jeder Hinsicht ortsprägenden Lobbericher Textil-Industrie nicht mehr existieren.

Was bleibt, ist weniger wuchtig als der klotzige Niedieck-Riegel, aber auf seine Weise genauso beeindruckend: ein Buch. Der Verkehrs- und Verschönerungsverein Lobberich hat in Person der Herausgeber Dr. Theo Optendrenk und Greta van der Beek-Optendrenk erstmals eine komplette Geschichte dieser Ära vorgelegt. Wer wissen will, wie Lobberich zu dem wurde, was es heute ist, findet die Antwort in diesem Werk. Die Sparkassenstiftung hat es mit 3000 Euro unterstützt.

"Samt und Seide", lautet der Titel. Etwa die Hälfte macht die Ge-schichte der Firmen Niedieck und "de Ball" aus — von den Anfängen über diverse Krisen und die Glanzzeiten in den 1970er Jahren bis zum Ende 1998. Fast wäre diese Geschichte untergegangen. Zwei junge Histori-ker, Gerhard Kock und Robert Sell, hatten die Chronik im Firmenauftrag angefertigt. 1999 wurde sie fertig, aber infolge des Niedergangs der Auftraggeber nicht mehr gedruckt.

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Ein paar einzelne Kopien waren in Umlauf. Eine landete schließlich bei Dr. Theo Optendrenk und gab die Initialzündung für die Buchveröffentlichung. Die Niedieck/de Ball-Historie von Kock und Sell stützt sich auf Material des ehemaligen Niedieck-Mitarbeiters Ernst Cremers. Ihm widmet Walter Tillmann im zweiten Teil des Buchs ein eigenes Kapitel. Dieser zweite Teil befasst sich mit Einzelaspekten der Lobbericher Textilindustrie, beginnend mit der vorindustriellen Flachsverarbeitung im bäuerlichen Handwerk.

Tillmann, Kenner der niederrheinischen Textilindustrie, steuert allein fünf Kapitel bei. Er erzählt von einem Samtband-Kartell oder wie der Erfinder Peter Anton Tappesser in den 1870er Jahren Niedieck zum Durchbruch auf dem Weltmarkt verhalf. Manfred Meis wirft einen Blick auf wichtige, wenn auch weniger große Textilproduzenten außerhalb der Niedieck- und de Ball-Mauern sowie auf die letzten Jahre der Girmes GmbH. Spannend an "Samt und Seide" sind nicht nur die Texte, sondern auch die Bebilderung, für die Greta van der Beek-Optendrenk verant-wortlich war.

Da finden sich Bilder von Maschinen und Werkhallen, Porträts von prägenden Figuren, Fotos von einfachen Weberhäusern und Villen der Firmenchefs sowie von Mode und Models.

(jo-s)
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