Breyell: Dincer Gücyeter und Wolfgang Schiffer bei Lyricabend in der Stadtbücherei

Breyell: Ein Nashorn und der Junge im Blaumann

Dincer Gücyeter und Wolfgang Schiffer gestalteten einen Lyrikabend während der Nettetaler Literaturtage. Beide sind in der Stadt geboren und arbeiten intensiv zusammen

Lyrik hören? Gewiss, wenn Gedichte sich reimen oder wenn sie in Balladen Geschichten erzählen, denen man fast wie bei einem Prosatext folgen kann. Aber Lyrik aus diesen Tagen? Das ist schon ein schwierigeres Unterfangen, weil doch die Gefahr besteht, dass nur Sätze oder gar nur Satzteile im Gedächtnis hängen bleiben. Trotz aller Vorbehalte wagten die Veranstalter der Nettetaler Literaturtage das Experiment und luden Wolfgang Schiffer und Dincer Gücyeter ein.

Der eine ist 1947 in Lobberich geboren und am Flothend aufgewachsen. Er hat Lyrik, Romane und Hörspiele geschrieben. Der andere kam 1979 in Nettetal zur Welt, wohnt an der Steegerstraße in Lobberich und und verdient sein Geld als Schauspieler, Schriftsteller und Verleger. Beide haben sich kennengelernt, als der jüngere von beiden, Gücyeter, in Köln für einen erkrankten Kollegen bei einer Lesung einsprang. „Dichter mit anatolischen Wurzeln aus Nettetal“, las der inzwischen pensionierte WDR-Redakteur Schiffer und dachte: „Da musst du mal hingehen.“ Daraus wurde eine intensive Zusammenarbeit, denn Gücyeter verlegt in seinem kleinen Elif-Verlag inzwischen Gedichtbände isländischer Autoren, die Schiffer mit einem Kollegen aus dem hohen Norden ins Deutsche übersetzt hat.

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So ließ Schiffer auch Gedichte aus seinen frühen Jahren in der Schublade und stellte zunächst Gedichte von Linda Vilhjalmsdöttir vor, die im Frühjahr als „Europäische Dichterin der Freiheit“ in Danzig ausgezeichnet worden war. Es folgten Texte von Ragnar Helgi Olafsson, die ebenfalls in einer außergewöhnlich gestalteten Edition bei Elif erschienen sind. Gücyeter las in der Stadtbücherei in Breyell aus seinem Gedichtband „Aus Glut geschnitzt“, der schon eine zweite Auflage erreicht hat.

Was bleibt hängen? Zeilen wie „Der Tod eines Vaters ist die zweite Geburt des Sohnes“, „Die Nacht floss wie ein ahnungsloses Rinnsal aus meinen Augen“ oder „Mein Wissen ist so leer wie ein Hemdsärmel auf der Wäscheleine“, „Hie endet der gurrende Schatten einer Taube“ oder „das Examen an der Universität des Vergessens“. Gücyeter beobachtete den „Jungen im Blaumann“ am früheren Pierburg-Tor und hatte keine Furcht vor Selbstironie. Als er, der nicht der Schlankeste ist, auf Wunsch seines Sohnes die Odette aus Schwanensee tanzt, hört er später das Urteil: „Papa, wenn du tanzt, siehst du aus wie ein geiles Nashorn.“ Auch das kann Lyrik sein.

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