Nettetal: Bräuche, die die Arbeit des Sämannes begleiten

Nettetal : Bräuche, die die Arbeit des Sämannes begleiten

Das Textilmuseum "Die Scheune" lud in Kooperation mit dem Naturschutzhof in Nettetal für das Wochenende zur Flachs-Aussaat ein.

Ob Sämann Heinz Schmitz vor den Aussäen des Flachssamens ein Brot mit fettem Speck gegessen und seine Hände anschließend nicht gewaschen hat, damit sie zur Aussaat geschmeidig sind, blieb sein Geheimnis. Das ist einer der vielen Bräuche, die die Arbeiten des Sämannes begleiten. So muss die Bäuerin vor dem Aussäen des Samens auf den Stubentisch steigen und dann rücklings im Kreis der Familie herunterspringen. "Wie weit sie zu springen vermag, so hoch der Flachs", erzählte Walter Tillmann vom Textilmuseum "Die Scheune", die für das Wochenende in Kooperation mit dem Naturschutzhof zur Flachs-Aussaat eingeladen hatte.

FÖJlerin Josephine Marx vom Naturschutzhof übernahm diese Aufgabe und sprang exakt 83 Zentimeter weit. Fachmann und Scheunenvater Walter Tillmann wusste um viele Bräuche, die die Arbeiten des Sämannes begleiten. So muss der Flachs durch 72 Hände gehen, bevor er als Leinenhemd getragen wird, auch muss das Hemd des Sämannes stets rein sein, so wollte es die alte Überlieferung, und das Sätuch sollte immer frisch sein, damit der Flachs von Ungeziefer rein blieb.

Weil der Sämann während der Aussaat nicht sprechen durfte, bekam er einen Zweig in den Mund gesteckt. Für Heinz Schmitz kein Problem, "er redet auch sonst nicht zu viel", wusste seine Ehefrau grinsend zu berichten. "Lautes Reden sollte bei der Aussaat vermieden werden, so glaubten die Leute zu wissen, weil das dem Flachs nur schadet", so Walter Tillmann. Auch wer dem Sämann einen Gruß übers Feld zurief, erhielt keine Antwort. Dreimal ging Sämann Heinz Schmitz, im wahren Leben Landwirt und zugleich Vorsitzender des Fördervereines Naturschutzhof, in unterschiedlichen Winkeln mit großen Schritten über das abgesteckte Feld am Naturschutzhof.

Angefeuert wurde er immer wieder von seinem Enkel Leo, der mit seinen Freunden dem Prozedere interessiert zuschaute. Die Samenkörner mussten beim Wurf möglichst dicht und gleichmäßig verteilt werden. "Dicht deshalb, weil sich die Pflanzen dann gegenseitig in die Höhe treiben können, denn die Länge der einzelnen Halme macht ja nachher die Länge der später gewonnenen Fasern aus", erfuhren die vielen Zuschauer von Walter Tillmann.

Auch die Verästelungen in den Spitzen würden bei dichtem Stand nicht so üppig, erläuterte der Fachmann weiter. Das sei so gewollt, denn die Kraft der Pflanzen sollten in den Bast gehen und nicht in die Blüten und Samen. Nach getaner Arbeit wurde ein Weidenzweig geschält, mit dem Heinz Schmitz dreimal auf den Acker schlug und den Wunsch, "so lonk die Schritt, so vättich die Häng, so wett das Ries, so lonk on vätt on wett soll hea sin", sprach und die interessierten Gäste begleiteten den Wunsch mit viel Beifall.

(ivb)