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Bestatte rund Pfarrer aus Nettetal zum Wandel der Trauerkultur

Nettetal: Trauerkultur im Wandel : „Jeder braucht einen Ort zum Trauern“

Kirchenritus weicht individuellen Trauerfeiern und Bestattungsformen, manches bleibt trotzdem gleich — ein Pfarrer und zwei Bestatter aus Nettetal erzählen vom Wandel der Trauerkultur.

Bestatter und Geistliche sind sich einig: Waren Bestattungen früher einem strikten Ritus unterlegen, gibt es heute mehr Individualität. „Früher liefen Bestattungen im Grunde immer gleich ab“, sagt Bestatter Robert Hellmann vom „Haus der Begegnung“. „Heute gibt es viel mehr Möglichkeiten.“ Passend zu dem Menschen, der er zu Lebzeiten war, was ihn ausmachte, sei es der Fußballverein, das Motorrad, der Dienst bei der Feuerwehr: Die Bestattung soll wiedergeben, wer aus dem Leben verabschiedet wird, sagt Michael Syben. Er ist Hellmanns Berufskollege im Bestattungsunternehmen in Nettetal. Ein strikt kirchlicher und religiös geprägter Ablauf ist insbesondere in den vergangenen zehn Jahren zunehmend abgelöst worden durch eine Vielfalt an Zeremonien, unterschiedlichen Glaubensansätzen und privaten Trauerrednern.

Doch auch heute noch würden sich insbesondere ohnehin in der Gemeinde stark eingebundene Familien bei einem Todesfall an die Kirche wenden, sagt Pfarrer Günter Puts von der katholischen Gemeinde St. Lambertus in Breyell. Manchmal gehe er auch selbst auf die Menschen zu, sagt Puts. Die meisten Mitglieder seiner Gemeinde kenne er persönlich sehr gut und pflege einen engen Draht.

 Bestatter Michael Syben im „Haus der Begegnung“.
Bestatter Michael Syben im „Haus der Begegnung“. Foto: Knappe, Jšrg (jkn)
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Auch wenn immer weniger Menschen eine Bestattung strikt nach kirchlicher Vorschrift möchten: Seinen Dienst als Ansprechpartner, Seelsorger und Begleiter nehme er sehr ernst, sagt der Pfarrer. Selbst  wenn die meisten Menschen die Arbeit rund um einen Trauerfall federführend an einen Bestatter geben würden. Sein Appell: „Menschen sollten öfter den Mut haben, sich bei der Kirche zu melden.“ Denn selbst für jemanden, der kein alltäglich kirchentreuer Christ sei oder dessen Bezug zum Gotteshaus mit der Taufurkunde beginnt und endet, bestehe eine Möglichkeit, in dieser außerordentlichen Lebenslage seinen Weg zum Glauben zu finden.

 Pfarrer Günter Puts vor der Kirche St. Lambertus.
Pfarrer Günter Puts vor der Kirche St. Lambertus. Foto: Knappe, Jšrg (jkn)

Die Glaubensansätze und damit verbundenen Wünsche zur Bestattung, denen Hellmann und Syben in ihrer täglichen Arbeit begegnen, gehen über den Kreis evangelischen oder katholischen Glaubens weit hinaus. „Wir hatten mal eine Bestattung organisiert, in der südkoreanische und westliche Elemente zusammenkamen“, sagt Syben. Als Bestatter würde er den Dienst erfüllen, den einst Nachbarn und Familie übernahmen. „Die Angehörigen erzählen uns dann in der Regel viel zu den Wünschen des Verstorbenen, zu den kulturellen Einflüssen und Bräuchen, und wir bringen das dann zusammen“, sagt Hellmann.

Zum Trauern gehöre unverändert für Pfarrer Puts auch eine Besuchsstätte für Angehörige, Freunde, aber auch für Menschen, die dem Verstorbenen zu Lebzeiten vielleicht auch nicht immer nah standen. „Jeder braucht einen Ort zum Trauern“, sagt Puts. Auch, wenn es heutzutage immer öfter vorkommt, dass beispielsweise Kinder mit ihren Familien weit entfernt vom Elternhaus und der späteren Grabstätte wohnen.

Dies beeinflusse die Bestattungskultur heutzutage stark, stellen Pfarrer und Bestatter gleichermaßen fest. Damit hänge auch zusammen, dass die Nachfrage nach anonymen oder teilanonymen Bestattungen wachse. Der zu Lebzeiten geäußerte Wunsch nach unaufwändigen und anonymen Bestattungsformen habe manchmal weniger mit spiritueller Überzeugung zu tun, sondern mit dem Wunsch, niemandem zur Last zu fallen, sagt Puts.

Aber müssen Angehörige oder der Verstorbene gläubig sein, um bei ihm als Pfarrer nach Unterstützung zu suchen? „Nein“, sagt Puts. Er behandle jeden gleich, ob Protestant, Katholik oder Atheist. „Es gibt für mich keine Einteilung, dass jemand deswegen besser oder schlechter behandelt wird.“ Auch gegen Feuerbestattungen sei er nicht – ihm seien aber persönlich durchaus auch Fälle bekannt, in denen Angehörige diesen Schritt anschließend bereut hätten.

Wesentlich geändert habe sich in den vergangenen Jahrzehnten aber vor allem der Bezug zum Tod selbst. Früher habe der Tod als ein Lebensabschnitt gegolten und sei einer Vollendung des Lebens gleichgesetzt worden, sagt Puts und beruft sich auf den Historiker und Forscher Philippe Ariès. Heute werde der Tod mit Angst betrachtet, nicht planbar, nicht begreifbar.

Auch Hellmann und Syben empfinden es ähnlich. „Der Tod wird nie ein angenehmes Thema sein“, sagt Robert Hellmann. Es sei trotzdem wichtig, das Bewusstsein zu haben, dass der Tod ein Teil des Lebens ist. „Sich zu Lebzeiten mit dem Tod zu befassen, kann ein Gewinn für das Leben sein“, ist Pfarrer Puts überzeugt.