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Nettetal: Besinnliches Ränkespiel am Altar

Nettetal : Besinnliches Ränkespiel am Altar

Das Theaterstück "Kleine Eheverbrechen" beeindruckte die Zuschauer in der Alten Kirche in Lobberich. Das Wuppertaler "Popup Picnic Theater" bot eine überzeugende schauspielerische Leistung.

Unfall, Notwehr oder Mordversuch? Alle Zutaten für einen spannenden Krimi bot das Theaterstück "Kleine Eheverbrechen" am Sonntagabend in der Alten Kirche in Lobberich. Doch die Aufführung des Wuppertaler "Popup Picnic Theaters" erwies sich schnell als mehr, und zwar als tiefgründiges Kammerspiel, teils ergreifend, teils heiter, aber immer besinnlich. Und deshalb wunderbar in die einzigartige Spielstätte passend.

"Ich hätte mich gern kennengelernt", scherzte Gilles, dargestellt von Uli Kneip. Der Mann litt angeblich unter Amnesie, Gedächtnisverlust also, konnte sich an seine Frau Lisa (Nicola van Os) und die 15-jährige Ehe mit ihr nicht erinnern. Sie hatte ihn gerade nach einem vermeintlichen Unfall aus dem Krankenhaus heimgeholt. Und das Ränkespiel begann. Dialoge, Monologe, Fragen und immer wieder Fragen: Lisa und Gilles entfachten eine leise Spannung. Sie zögerlich, als wage sie nicht, ihm die Wahrheit zu sagen. Er nachdenklich, als könne er nicht glauben, ein seriöser Ehemann zu sein: "Ich trinke Tee?"

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Gut gespielt von beiden, Nicola van Os mitunter recht leise, schwer zu verstehen, was an der Technik liegen mochte. Es war das unaufdringlich eindringliche Spiel der zwei, das so ergreifend wirkte. Und das in stimmiger Atmosphäre: Bücherregal mit kleiner Skulptur. Couch und Tisch, Garderobenständer und Kerzenleuchter waren Staffage und Symbole zugleich: Platz, gemütlich miteinander zu plaudern, doch auch genug Raum, sich aus dem Weg zu gehen. Chorgestühl und Altarensemble dahinter in rötlichem Licht — das hatte was. Fand auch Nicola van Os: "Wann steht man als Frau schon mal im Altarraum?", scherzte sie hinterher im Gespräch. Und fügte ernsthaft hinzu: "Wunderbar, die Atmosphäre in dieser Kirche, für unser Stück ein außergewöhnlicher, aber idealer Spielraum." Was auch die rund 100 Zuschauer in der vollen Kirche fanden: Gebannte, mitunter beklemmende Stille zumeist ob der spürbaren Spannung, erleichtertes leises Lachen an heiteren Stellen, tosender Applaus hinterher.

Eine gelungene Aufführung, darin eine behände Wende nach der anderen. Lisa war nämlich alles andere als eine ehrliche Ehefrau. Eher eine, die ihrem Mann, dem Schriftsteller, sein Werk "Kleine Eheverbrechen" nie verzieh, schildert er darin doch Probleme, unter denen auch ihre Beziehung litt. Dazu krankhaft eifersüchtig allein bei der Vorstellung, er könne untreu sein.

Und Gilles? Durchaus charmant, aber durchtrieben. Hatte keine Amnesie, alles nur gespielt, um seine Frau, um seine Ehe zu hinterfragen, neu zu interpretieren. Ein Taktierer, ein Heuchler, der längst wusste, dass Lisa heimlich trank. Der ihr die Probleme in die Schuhe zu schieben versuchte, die er verursacht hatte. "Ich schäme mich!", sagte sie. Und auch er gab zu: "Ich schäme mich!" Sie küssten sich, sie stießen sich weg. Sie enthüllten nach und nach, was wirklich geschah. Kein Unfall, nein, Notwehr vor seiner Gewalt. Notwehr? Nein, ein Mordversuch, begangen von ihm an ihr. Von ihm? Nein, von ihr, die ihn, die sich mit ihm nicht mehr ertrug. Und Trennung und Versöhnung und wieder Trennung. Und Schluss.

(RP/ac)