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Nettetal: Berufsschüler erinnern an das Grauen

Nettetal : Berufsschüler erinnern an das Grauen

Gedenkfeier in der Alten Kirche mit Berichten von Zeitzeugen. Schüler des Berufskollegs gestalteten.

Die Gedenkfeier am 27. Januar in der Alten Kirche ist stets sehr gut besucht. Auffällig allerdings ist, das man immer dieselben Gesichter sieht, wenn anlässlich des Jahrestages der Befreiung von Auschwitz des Holocausts gedacht wird: Vertreter aus Politik und Verwaltung, einige Schulleiter und einige ältere Privatpersonen. Dazu kommen die Schüler der Schule, die den Abend gestalten. Dazwischen klafft eine große Alterslücke.

Die Feierstunde organisierten in diesem Jahr Schüler des Rhein-Maas Berufskollegs. Jährlich wechseln sich die weiterführenden Schulen in der Stadt mit dieser Aufgabe ab. Allen ist eines gemeinsam: Die Schüler und ihre Lehrer geben sich sehr große Mühe mit der inhaltlichen Gestaltung und Präsentation ihres Beitrags. Sie setzen jeweils andere Schwerpunkte. Diesmal trugen die Schüler Augenzeugenberichte von Nettetaler Juden über das Grauen in den Ghettos und Konzentrationslagern vor. Dazu hatten sie das Buch "Die drei Eisheiligen" im Unterricht intensiv untersucht. Lehrer Antonio Liebhold erklärte eingangs, dass die Schüler der Höheren Handelsschule vor allem die wirtschaftlichen Auswüchse der Judenverfolgung und -vernichtung untersucht hatten. Viele Täter haben sich wirtschaftlich an den Opfern bereichert. Stellvertretend dafür las eine Schülerin die Erinnerungen einer Überlebenden vor. Sie berichtete, auf Anweisung der Nazis nur die beste Kleidung für den Transport nach Riga eingepackt zu haben. Sie sah sie nicht wieder, vielmehr wurde sie in die Winterhilfe gegeben. So hatte die Frau nur noch das, was sie "am Leib" trug. Eine Schülerin trug die Schilderung einer Jüdin zur Brutalität vor, mit der die Täter vorgingen. "Tiere können nicht so bestialisch sein wie diese Hitler-Schergen."

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"Es gab immer jüdisches Leben am Niederrhein, seit er ein Kulturraum ist" und "Der Niederrhein ist nicht niederrheinisch ohne jüdisches Leben", sagte der evangelische Pfarrer Matthias Engelke. Sein Wunsch sei es, dass sich in Nettetal wieder eine jüdische Gemeinde etabliert. Er bat die Vertreter der Stadt Nettetal, eine Willkommenskultur für Juden zu schaffen.

Zuvor hatte Hans Kettler, stellvertretender Schulleiter des Berufskollegs, von Erfahrungen aus seiner Kindheit berichtet. Er könne sich nicht vorstellen, dass niemand von den Konzentrationslagern gewusst haben wollte. Er war nach dem Krieg nahe Bergen-Belsen aufgewachsen. Bei genauerer Betrachtung des Wachpersonals in der Ausstellung fiel ihm auf, dass die meisten aus der näheren Umgebung stammten. Bei Sonntagsausflügen hätten Einheimische Brotreste über den Lagerzaun geworfen, um sich darüber zu amüsieren, wie die Insassen sich darum stritten.

Bürgermeister Christian Wagner betonte, die Teilnahme an der Gedenkfeier zeige eine in die Gegenwart reichende Haltung. Anschließend gedachte er mit den Schülern am Mahnmal neben der Alten Kirche. Dabei stand beobachtend und sichernd Polizei. Das war gut so und dennoch bedrückend.

(pepp)