Nettetal: Autofahrer schleichen lächelnd vorbei

Nettetal : Autofahrer schleichen lächelnd vorbei

Auf den Blitzmarathon der Polizei gestern waren die meisten Autofahrer vorbereitet. An der Messstelle im Ritzbruch in Nettetal fuhren sie ganz langsam. Normalerweise werde dort gerast, berichtete Messpate Paul Lienen.

Dass die Polizei einen Blitzmarathon angekündigt hat, scheint sich doch herumgesprochen zu haben. Entsprechend wenig zu tun haben die Beamten, die am Ritzbruch in Breyell seit 9.30 Uhr Dienst tun. Polizeihauptkommissar Bernhard Fleischer blickt durch das Lasergerät. Es piepst. 42 Kilometer pro Stunde erscheinen auf der Anzeige — ein Durchschnittswert an diesem Morgen. Mehr als 50 km/h fährt kaum jemand, und wenn, dann sind es nur die zwei, drei km/h, die im Toleranzbereich liegen.

Auf einmal gibt es fast so etwas wie Aufregung an der Messstelle: Ein Mercedes-Fahrer fährt sehr langsam an der Kontrollstelle vorbei und schaut dann auch noch einmal ins Erlenbruch hinein, wo das Polizeiauto geparkt ist und die Kollegen von Fleischer stehen. Dann quietschen Bremsen. Vor lauter Gucken hat der Autofahrer nicht bemerkt, dass die Fahrzeuge vor ihm an einem am Straßenrand geparkten Auto anhalten, weil Gegenverkehr kommt. Auf das Quietschen folgt aber kein Scheppern — alles ist so gerade noch mal gut gegangen.

Eine Statistik darüber, wie viele Auffahrunfälle an einem Blitzmarathon-Tag mehr passieren, weil Autofahrer nach den Kontrollstellen Ausschau halten und manchmal auch plötzlich bremsen, weil sie glauben, eine entdeckt zu haben, gibt es allerdings nicht. Bernhard Fleischer ist oft mit dem Lasergerät unterwegs. "In der letzten Woche waren wir an der K 9 zwischen Elmpt und Niederkrüchten", erzählt er. 33 Raser in knapp vier Stunden seien da erwischt worden.

Und wirklich zerknirscht oder schuldbewusst habe auf ihn niemand gewirkt. Aber diejenigen, die jetzt am Ritzbruch entlang fahren, lächeln die Polizisten an, versuchen, entspannt zu wirken. Und sie werden dabei immer langsamer. 34 km/h sind der "Minus-Rekord" in der ersten Kontrollstunde. Und artig geblinkt wird auch, wenn jemand an einem geparkten Wagen vorbeifährt. "Es will halt niemand etwas falsch machen heute", sagt Polizeioberkommissar Wolfgang Schleser.

Er fügt aber auch hinzu: "Das Ziel der Aktion ist die langfristige Bekämpfung der Geschwindigkeitsübertretungen." Und dazu gehörten nun mal Tage mit angekündigten Kontrollstellen — und dann auch wieder die täglichen Überprüfungen an nicht vorher bekanntgegebenen Orten. "Wenn wir morgen den ersten anhalten, dann hören wir wahrscheinlich: Ja, aber der Blitzmarathon war doch gestern", vermutet Schleser. Denn genau das hat er am Tag nach einem der letzten Blitzmarathons erlebt.

Paul Lienen befürchtet auch, dass es mit der gesitteten Fahrweise im Ritzbruch am nächsten Tag wieder vorbei sein könnte. Der pensionierte Polizist hat die Kontrollstelle vorgeschlagen. Er wohnt in der Nähe und sieht jeden Tag Fahrer, die zu schnell unterwegs sind, "vor allem zu den Zeiten, wo hier Schulkinder über die Straße gehen. Und die Autofahrer sind dann nicht ein bisschen zu schnell, sondern deutlich."

Fleischer und seine Kollegen schauen immer öfter mit besorgten Blicken zum Himmel. Die Wolken werden immer dichter. Um 10.30 Uhr heißt es dann erstmal: Lasergerät retten. Denn Wasser bekommt der Technik nicht. Und was da in diesem Moment von oben kommt, ist nicht nur Wasser, sondern auch Hagel. Er prasselt auf die Autoscheiben nieder und zwingt die Autofahrer dazu, ihr Tempo weiter zu drosseln — ganz ohne Blitzmarathon.

(hah)