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Artist in residence: Claudia Kallscheuer zu Gast in Nettetal

Kultur in Nettetal : Claudia Kallscheuer „malt“ mit Nadel und Faden

Die Künstlerin Claudia Kallscheuer aus Düren lebt und arbeitet für einen Monat in Nettetal. Im Gastatelier in Leuth-Busch entstehen aus alltäglichen Beobachtungen neue Arbeiten. Ein Besuch.

„läuft manchmal nach“. „ichgehmalnachdenTomatengucken“ – solche und andere Satzfragmente lesen sich in dicht aneinander gedrängten Zeilen auf dem Blatt, das in der alten Schreibmaschine eingespannt ist.

Drei Arbeitsmaschinen stehen in dem großen Atelier des ProjektRaumKunst in Nettetal: neben der Schreibmaschine sind es eine Haushaltsnähmaschine und eine Nähmaschine, die (eigentlich) selbstständig die einprogrammierten Buchstaben aufnäht bzw. aufstickt. „Aber die tut das nur, wenn ich da bin“, erklärt Claudia Kallscheuer lachend, „wenn ich weggehe, bleibt sie stehen.“ Diese drei Maschinen sind der Künstlerin Arbeitswerkzeuge. Außerdem rund 100 Rollen Garne, die farblich sortiert auf dem Tisch liegen und Nessel. Claudia Kallscheuer „malt“ mit Fäden. Am liebsten auf alten und gebrauchten Stoffen.

Seit dem 21. Mai wohnt und arbeitet die Künstlerin als erste Artist-in-Residence-Künstlerin im Nettetaler ProjektRaumKunst. Air Nettetal ist eine Kooperation des Kunstvereins ProjektRaumKunst Busch8 e.V. mit der Stadt Nettetal und dem TextilMuseum Die Scheune.

Die Idee: Frei vom Alltag und in aller Ruhe die Möglichkeit haben, Kunst zu machen. Eine Berechtigung zum „sitting and thinking“, wie Barbara Schmitz-Becker, 1. Vorsitzende des Kunstvereins die besondere Situation beschreibt.

Kallscheuer empfand den Bruch zu ihrem arbeitsreichen Alltag, in dem sie ihrer Kunst einem Bürojob nachgeht, zu Beginn als sehr deutlich. Aber: „Der Druck zu produzieren lässt jetzt langsam nach“, erklärt Kallscheuer. Jeden Tag erkundet sie mit dem Fahrrad die Gegend – ihre Beobachtungen fließen in die Tageseindrücke ein, die sie zunächst mit der Schreibmaschine und dann mit der Nähmaschine notiert. Da kann es ganz banal um Tomaten gehen oder um etwas, das „nachläuft“. Dabei handelt es sich um die Spülung der Toilette – aus dem Zusammenhang genommen assoziiert das Fragment allerdings eine Fülle anderer Gedanken.

Claudia Kallscheuer wurde 1967 in Waiblingen geboren und wuchs in Nord- und Südamerika auf. Sie erhielt zunächst eine Ausbildung als Damenschneiderin, studierte Modedesign und Malerei an der Alanus-Hochschule in Alfter sowie in Berlin, wo sie lange lebte. Zurzeit hat sie ihren Wohnsitz in Düren, wo sie 2017 den Dürener Kunstpreis erhielt.

„Ich war nie eine richtige Malerin“, sagt Kallscheuer. Sie beschäftigte sich mit Collagen. „Irgendwann ist die Nähmaschine übers Papier gelaufen.“

Seitdem malt und zeichnet Kallscheuer mit Nadel und Faden. Perfektion ist es nicht, die sie anstrebt. Stattdessen verändert sie die Fadenspannung, so dass Knoten entstehen, lässt die Fäden unvernäht herabhängen, baut bewusst Fehler ein, näht Linien weniger gerade, setzt in einem Stück unterschiedlich dicke Garne ein. Manchmal dreht sie die Arbeiten auf links.

Waren es anfänglich noch figürliche Motive, so hat sie sich mittlerweile der Grafik zugewandt. „Das Wort hat eine größere Bedeutung erhalten.“ Ihre großen Bildträger aus Nessel überziehen Wetterberichte aus aller Welt, persönliche Notierungen ähnlich einer Tagebucheintragung. „Das ist ein Spiel für mich. Es ist spannend, was für eine Geschichte aus den Fragmenten entsteht“, erzählt Kallscheuer und fügt hinzu: „Ich bin ein viel denkender Mensch. Die Sachen müssen raus aus meinem Kopf.“

Die „Konzentrationspunkte“ näht die Künstlerin in so dichten Kreisen auf Teebeutel, dass fast ein Relief entsteht.

Teebeutel sind ein wichtiges Utensil für die Künstlerin: „Trinken, trocknen, Teeblätter herausnehmen, grundieren und bearbeiten“, beschreibt sie die Schritte vom Teebeutel zum Bildträger. Viele hundert unterschiedliche Teebeutel hat sie in den letzten Jahren mit ihren Beobachtungen beschrieben bzw. bestickt.

Es liegt ein hoher Reiz in Kallscheuers Arbeiten: das ungewöhnliche „Mal“-Material Garn, die fast flüchtig wirkende Verarbeitungsweise und die lesbaren Notizen verbinden sich zu einem faszinierenden Kunstobjekt.

Am 7. Juni um 11.30 Uhr führt Susanne Ciernioch vom TextilMuseum Die Scheune gemeinsam mit Barbara Schmitz-Becker ein Künstlergespräch mit Claudia Kallscheuer.

Vom 19. Juni an zeigt der ProjektRaumKunst die während der Residenz entstandenen Arbeiten, während vom 21.6. bis 9. 8. das TextilMuseum Die Scheune unter dem Motto „Von roten und anderen Fäden“ eine umfassende Werkschau der Künstlerin präsentiert.