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Serie 100 Jahre Erster Weltkrieg: "Alle Lobbericher waren ganze Deutsche"

Serie 100 Jahre Erster Weltkrieg : "Alle Lobbericher waren ganze Deutsche"

In die Begeisterung für den "Waffengang" gegen Frankreich mischten sich im Sommer 1914 vielfach auch Angst und Sorgen. Doch anfangs überwog noch oft die Begeisterung für den "vaterländischen Dienst".

Als am 31. Juli 1914 Kaiser Wilhelm II. den Krieg für Deutschland ausrief, endete eine 43-jährige Zeit des Friedens. Nur ältere Menschen hatten den deutsch-französischen Krieg 1870/71 erlebt. Gründerjahre und wirtschaftlicher Aufschwung, finanziert gerade auch durch hohe Reparationsleistungen der Franzosen, hatten auch in einfachen Familien einen bescheidenen Wohlstand geschaffen. Die bürgerliche Gesellschaft hatte im Laufe der Jahre eine breitere Basis entwickelt.

Erleichterung und Begeisterung nach der Mobilmachung

 2,70 Meter hoch ist der Findling mit der schlichten Tafel.
2,70 Meter hoch ist der Findling mit der schlichten Tafel. Foto: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)

Auch auf dem Lande war die Entwicklung seit dem tödlichen Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo am 28. Juni 1914 mit Spannung verfolgt worden. Am 1. August folgte für 6 Uhr die Mobilmachung. "Erleichtert atmete mit allen Deutschen auch Lobberichs Bürgerschaft nach der unnatürlichen Spannung....auf" heißt es im "Eisernen Buch der Gemeinde Lobberich" (siehe Infokasten). "Bei der Durchfahrt von Militärautos kam es zu begeisterten Kundgebungen. Aber kein übermütiger Jubel lag in dieser großen Begeisterung. Die alten Leute, die den 1870er Krieg erlebt hatten, wussten zu genau, was Kriegsnot heißt."

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Die jüngere Generation reagierte unbeschwerter, vielleicht verdrängten viele aber auch die Ahnung dessen, was kam. Die Begeisterung brach sich Bahn "in Hochrufen auf Kaiser und Reich und in vaterländischen Liedern auf Straßen und Plätzen, in Häusern und Wirtschaften...Die Nacht wurde zum Tage."

Gerüchte, Hysterie — doch die Franzosen standen nicht vor Brüggen, sondern vor Brügge...

"Zwietracht und Hader verschwanden, alle Lobbericher waren ganze Deutsche" heißt es weiter. Am 2. August meldeten sich die Lobbericher Kriegpflichtigen beim Bezirkskommando Rheydt. Die Pfarrkirche war überfüllt beim Abschiedsgottesdienst, abends versammelten Lobbericher sich am Missionskreuz an der alten Kirchen, am Hagelkreuz und an der Eremitage.

Gerüchte um Spione in Autos und auf Fahrrädern schürten eine Hysterie, die sich schließlich mit der Nachricht entlud, die Franzosen rückten durch Holland auf Lobberich vor. Der Ort rüstete sich zum Widerstand. "Auf dem Marktplatze wurde das Pflaster aufgerissen und eine starke Barrikade errichtet". Ruhe trat erst ein, als bekannt wurde, dass die Franzosen nicht vor Brüggen, sondern vor Brügge in Flandern standen.

Unterrichtsausfall zu Siegesfeiern

Gegen die brodelnde Gerüchteküche schloss der Verlag der Zeitung "Rhein und Maas" einen Vertrag mit dem Wolff'schen Depeschenbüro in Berlin ab. Am Geschäftshaus wurden Nachrichten ausgehängt, "so umringten manchmal Hunderte von Leuten die Tafel, um Neuigkeiten zu erfahren". Siege wurden gefeiert. "Bald prangten Lobberichs Straßen im schönsten Fahnenschmuck. Es setzte feierliches Geläute aller Kirchenglocken ein, es ertönten Böllerschüsse." Der "Ausrufer Johann Friedrichs zog mit Trommelklang durch die Straßen, um überall die Siegesbotschaft zu verbreiten." Schulen waren angewiesen, "das deutsche Waffenglück durch eine würdige Schulfeier mit anschließendem Ausfall des Unterrichts der Jugend unvergeßlich zu machen".

"Das Heldenblut der gefallenen Krieger entfachte die Vaterlandsliebe der deutschen Jugend zu hoher Glut", heißt es weiter.

(RP)