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Nettetal: Abschied mit Loriot

Nettetal : Abschied mit Loriot

Zum Abschluss der elften Nettetaler Literaturtage las Johann von Bülow in Lobberich aus "ganz offenen Briefen" Loriots. Der Schauspieler, Neffe Vicco von Bülows, ließ sein darstellerisches Talent subtil in die Lesung einfließen.

Die Ohren leicht abstehend, die Nase knollenartig gerundet, einen Brief in den Händen haltend - so präsentierte sich eines der typischen Loriot-Männlein auf den Lesezeichen der Nettetaler Literaturtage und war natürlich auch zu deren Abschluss präsent. Zum Finale in der Werner-Jaeger-Halle fand es gar seine eigentliche Bestimmung. Denn hier las Johann von Bülow eine Auswahl der ganz offenen Briefe, die sein Onkel Vicco von Bülow alias Loriot in einer Kolumne für die Illustrierte Quick geschrieben hatte. Von 1957 bis 1961 hatte der großartige Humorist damit stets pointiert ein Sittengemälde der jungen Bundesrepublik gezeichnet.

Die Werner-Jaeger Halle war gefüllt, wie denn auch die anderen Veranstaltungen der Reihe großen Anklang gefunden hatten. Der Leiter der Nettetaler Stadtbücherei, Ulrich Schmitter, dankte daher für die großartige Unterstützung und überbrachte den Dank der Autorinnen und Autoren, die sich vom Enthusiasmus der Nettetaler Literaturfreunde begeistert gezeigt hätten.

Mit Johann von Bülow begrüßte er nicht einfach nur Loriots Neffen, sondern auch einen Schauspieler, der durch Filme wie "Das Adlon", "Die Spiegel-Affäre", "Elster" und die Serie "Mord mit Aussicht" in der Film- und Fernsehlandschaft bestens bekannt ist. Der Gast ließ sein darstellerisches Talent subtil einfließen, ohne den bei einer Lesung klassischen Platz am Tisch zu verlassen. Mimik und Gestik waren perfekt abgestimmt auf den Inhalt der Briefe und deren reich schattierten Zwischen- und Untertöne voller Ironie und Satire. Da ließ von Bülow mal ein maliziöses Lächeln auftauchen, da schien er sich tatsächlich in Sprechduktus und Gestik beim Versuch, eine Olive zu bergen, in deren Glas zu verfangen.

Johan von Bülow hatte den Anfang schon beinahe aufreizend unprätentiös gestaltet. Mit aller Ruhe füllte der Gast sein Wasserglas, ließ den Blick wie von unten ins Publikum gleiten, das gespannt und schmunzelnd abwartete. "Sehr geehrte Quick" war das erste, was sie hörten - und das war denn auch der immer wieder kehrende Refrain zu den Briefen. Die Werbung eines Autoherstellers, das Fassungsvermögen eines Kofferraums in Liter anzugeben, hatte Loriot etwa inspiriert zu Gedanken, ob es da nicht auch ratsam wäre, die Menge für Juweliere in Karat und für Elektriker in Watt anzugeben. Genüsslich lauschten vor allem die Männer, wenn sie von Loriots Randbemerkungen zum weiblichen Redeschwall hörten. Dieser sei nach neuesten medizinischen Erkenntnissen lebensbedrohlich für das männliche Herz und somit ein Abgrund im eigenen Heim. Weitsicht hatte Loriot bei einem Problem erkannt, das eigentlich erst in jüngster Zeit grassiert: Was ist, wenn der Mensch das Fernsehen zum Austausch privater Beziehungen braucht?

Natürlich gab es in wohldosierter Auswahl zum gesprochenen Wort begleitend auf einer großen Leinwand die entsprechenden Karikaturen aus Loriots Feder. Für die Zugaben holte dessen Neffe einige besonders bissige Texte aus dem verbalen "Giftschrank".

(anw)