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Moers: Zuschauer tanzen mit Billie Holiday

Moers : Zuschauer tanzen mit Billie Holiday

Drei Produktionen haben mich im Besonderen mit der Stadt und den Menschen verbunden: Zum einen war da "Wanderer einer Nacht", inszeniert von Ingo Kerkhoff. Wir sind damals in Etappen zu verschiedenen Stationen in der Stadt gezogen und haben Texte aus Hölderlins "Hyperion" verarbeitet. Das war die Kirche in der Innenstadt, das Parkhaus, durch das ich während des Stücks mit meinem Auto gedüst bin, und später das alte Schwimmbad, das leer stand und in dem eine so eigentümliche Stimmung herrschte. Ich fand es schön, in den Szenen ganz konkret mit einer Umgebung mitten in der Stadt umzugehen. Die Zuschauer waren so neugierig und offen und haben sich auf die kleine Reise eingelassen. Nach dieser Produktion hatte ich das Gefühl, die Stadt und die Menschen besser kennengelernt zu haben und wirklich dort angekommen zu sein.

Auch das Demenz-Projekt "Zitrone Schlüssel Ball" hat mich sehr mit den Menschen in Moers verbunden. Zum einen, weil wir bei der Entwicklung des Stücks an Demenz erkrankte Menschen im Altersheim besucht haben. Das waren sehr persönliche und intensive Begegnungen. Zum andern, weil wir im Anschluss an das Stück oft mit Betroffenen ins Gespräch kamen, für die unser Theater einen Raum geschaffen hatte, über ihre Situation zu sprechen und sich auszutauschen. Uns selbst und den Zuschauern die Möglichkeit zu geben, sich mit einem Thema, das in der Gesellschaft immer noch stark tabuisiert wird und dennoch so viele Menschen im direkten Lebensumfeld betrifft, auf persönliche Weise auseinanderzusetzen und zu begegnen, scheint mir bis heute eine der sinnvollsten Theaterarbeiten meiner Laufbahn.

Und ganz persönlich gefreut und berührt haben mich die Billie-Holiday-Vorstellungen, bei denen sich Zuschauer am Schluss des Stückes, oder teilweise währenddessen, tatsächlich dazu auffordern ließen, auf der Bühne mit mir zu tanzen. Die Moerser haben in meiner Zeit mit ihnen einen sehr besonderen Kontakt zu ihrem Theater bewiesen, mit viel Zuspruch und Offenheit angeguckt, was wir da trieben. Und ich fühlte mich als Bestandteil des Ensembles und das Theater als wichtiges Gut für die Gemeinschaft zu jeder Zeit sehr gewollt. Ich wünsche mir von Herzen, dass dies für das Schlosstheater heute und in Zukunft noch gleichermaßen gilt. Und ich wünsche der derzeitigen Mannschaft und allen Moersern viel Spaß an diesem besonderen Theater: eine der wenigen verbliebenen experimentellen Nischen dieses Landes! Danke Ulrich Greb. Eva Müller

Eva Müller war von 2003 bis 2007 am Schlosstheater Moers als Schauspielerin engagiert. Heute spielt sie am Schauspielhaus Dortmund.

(RP)