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Neukirchen-Vluyn: Zurück zu den Wurzeln

Neukirchen-Vluyn : Zurück zu den Wurzeln

Der Hof von Familie Zander in Büttlingen bei Grevesmühlen war ein Ziel einer sechstägigen Fahrt der Ortsbauern von Neukirchen-Vluyn nach Mecklenburg-Vorpommern. Seit 2001 bewirtschaftet Tim Zander den Familienbesitz, der zu DDR-Zeiten enteignet war.

/ BÜTTLINGEn Jedes Jahr gehen die Ortsbauern aus Neukirchen-Vluyn auf Tour. „Wir hatten diesmal wieder eine Überraschung ins Programm eingebaut“, erzählt Gerhard Dreßler und hat sofort die Fotos parat, die einen landwirtschaftlichen Betrieb bei Grevesmühlen zeigen, der eine besondere Geschichte hat. Seit etwa 1530 sind dort die Wurzeln der Familie Zander. Mit einer kleinen Unterbrechung. „Wir konnten unter den damaligen Bedingungen nicht mehr wirtschaften und sind 1954 weg“, erinnert sich Ingrid Zander. Als Wirtschaftssaboteure wurden sie und ihr Mann vor Ort behandelt, weil sie das DDR-Plansoll nicht erfüllten.

„Mussten unseren Kopf retten“

Ihr Mann saß deshalb mehrfach im Gefängnis. „Wir mussten einfach unseren Kopf retten und haben den Hof verlassen“, erinnert sich die heute 83-Jährige, die im Nieper Lehrerhaus wohnt. Als Hofbesitzerin machte sie „rüber“, und wurde im Grundbuch als enteignet eingetragen. Eine Odyssee führte Familie Zander nach Niep. „In den ersten Jahren hatten wir noch die Hoffnung, zurückzukommen“, meint Ingrid Zander. Das sollte erst Jahrzehnte später passieren, denn heute bewirtschaftet ihr Enkel Tim (30) in der 17. Generation den Hof, den die Familie nach der Wende zurückbekam und aufgebaut hat.

Schon als Kind hatte Tim allen verkündet: „Ich werde Bauer!“ Seine landwirtschaftliche Ausbildung samt zweijähriger Höheren Landbauschule in Kleve beendete er 2001. Heute bildet er seinen ersten Lehrling aus. Auf 150 Hektar eigener Fläche und weiterem Pachtland werden Raps, Weizen und Zuckerrüben angebaut. Rund 24 000 Puten werden zudem auf dem Hof gemästet. „Wir ziehen alle an einem Strang, anders geht es nicht“, erzählt seine Mutter Margret (56). Zu DDR-Zeiten konnte Familie Zander den Hof nur aus der Ferne sehen, der inzwischen zur LPG gehörte. „Vieles war marode und verfallen“, erinnert sie sich. An den Fall der Mauer glaubte zu dem Zeitpunkt keiner mehr, auch wenn vieles darauf hindeutete. Ingrid Zander: „Alles ging so plötzlich. Für uns begann eine furchtbar aufregende Zeit.“ Ihr Mann Lutz (57), als Maschinenreviersteiger aus dem Bergmannsleben ausgeschieden, stellte alle nötigen Anträge für die Rückübereignung, während sich Familie Zander unter den skeptischen wie argwöhnischen Augen der Nachbarn auf dem eigenen Hof einmietete und Pläne für die nahe Zukunft schmiedete. Zusammen mit Sohn Kai, einem Architekten, starteten die Sanierungsmaßnahmen. Heute pendeln Margret und Lutz Zander zwischen Büttlingen und Kamp-Lintfort. Margret Zander arbeitet in der Klosterstadt weiterhin als Kosmetikerin. In Büttlingen kümmert sie sich drei Wochen im Monat um die Buchhaltung und aktuell um 8000 junge Puten. Alles passt, jedes Familienmitglied hat auf dem Hof sein Arbeitsgebiet und ist mit Herzblut engagiert. Dabei waren die Startbedingungen nicht rosig. Ohne EU-Fördermittel und aus eigener Kraft wurde das Familienabenteuer Aufbau Ost bewerkstelligt.

„Anfangs habe ich Angst gehabt. Heute erfüllt es mich mit Stolz, und es ist schön zu sehen, wie die Betrieb wächst und Tim sich seinen Lebenstraum erfüllt“, freut sich Großmutter Ingrid Zander. Sie hat gerade ihren 83.Geburtstag gefeiert. In Büttlingen natürlich.

(RP)