Moers: Wir lasen Horvaths Text im Esszimmer von Ulrich Greb

Moers : Wir lasen Horvaths Text im Esszimmer von Ulrich Greb

Die Eröffnungspremiere der Intendanz von Ulrich Greb war Ödön von Horvaths rätselhafte "Eine Unbekannte aus der Seine". Diese Produktion war gleichzeitig unsere erste gemeinsame Arbeit für die Bühne. Wenn ich auf diese Zeit zurückschaue, dann ist mir diese Arbeit besonders deswegen in Erinnerung, weil wir uns für diese Zusammenarbeit in der konzeptionellen Vorbereitung viel, viel Zeit genommen haben. Ein Tag ist mir besonders in Erinnerung.

Kurz nachdem Ulrich Greb nach Moers gezogen war, saßen wir in seinem Esszimmer zusammen. Die meisten Möbel standen schon, auch sonst war einiges eingeräumt, aber die Wohnung hatte noch einen Zauber von Anfang: Nur eine Vase hier, keine Bilder an den Wänden, und im Flur standen noch ein oder zwei Umzugskartons. Diese Stimmung trug sich in unsere Arbeit an dem Stück. Es war ein angenehmer Sommertag, die Sonne lockte von draußen. Aber uns lockte der Text. Wir redeten, verteilten Figuren. Schnell saßen wir schon drei Stunden und machten die erste kurze Pause. Trinken und Essen hatten wir vollständig vergessen. Dann ging es genauso intensiv weiter. Immer wieder nahmen wir den Text in die Hand und lasen die Szene laut. Die magisch-fremde Welt, die wir auf der Bühne des Schlosstheaters schaffen wollten, entstand Satz für Satz neu und anders. Ich erinnere mich, dass ich nach weiteren zwei Stunden vom Text aufblickte und das Gefühl für Zeit und Raum vollständig verloren hatte. In diesem Moment war ich mir sicher, dass wir alles richtig gemacht hatten. Die intensive Vorbereitungsarbeit hatte sich gelohnt. Auch die Spielzeitgespräche in diesem schrecklich muffigen Büro im Alten Rathaus, der so ideenfeindlich war, dass wir uns immer wieder nach draußen flüchten mussten. Auch das schreckliche Hotel, in dem ich zum ersten Mal in Moers übernachtet habe, kommt mir dabei wieder in Erinnerung. Aber allein dieser Tag mit Ödön von Horvaths "Unbekannten" in Ulrich Grebs halbfertigen Esszimmer zusammen mit Elisabeth Strauß (Kostüme) und Birgit Angele (Bühne) hat alle Mühen gelohnt. Die Produktion "Eine Unbekannte aus der Seine" war für mich eine besondere, theater-magische Erfahrung am Schlosstheater. Erpho Bell

Erpho Bell war als Dramaturg von 2003 bis 2011 am Schlosstheater.

(RP)