Wie unsere Forscher die Zukunft sehen

Digitalisierungs-Serie : Wie unsere Forscher die Zukunft sehen

Digitalisierung heißt bloß mehr Apple und Facebook, alles getrieben vom kalifornischen Silicon-Valley? Von wegen. Auch der Niederrhein gestaltet den Wandel, wie die RP und die Volksbank Niederrhein erfahren haben.

Einst malochten zehntausende Kumpel hier, heute basteln junge Forscher an der Zukunft der Arbeitswelt. Es gibt nur wenige Orte, die so sehr für den Wandel stehen, wie Kamp-Lintfort. Vor neun Jahren nahm die Hochschule Rhein-Waal am Campus an der Friedrich-Heinrich-Allee ihren Betrieb auf. Nur eine Fakultät gibt es am Standort, dafür ein Angebot, so groß, dass man es gleich auf sechs Gebäude verteilen musste: Informatik, Wirtschafts- und Umweltwissenschaften, Design, Psychologie, sogar dual studieren ist möglich. Der Wandel, der hier im Zentrum steht, heißt Digitalisierung. Die Gesellschaft will man vorbereiten auf die Herausforderungen der Zukunft, Unternehmen können am Campus die neuen Technologien ausprobieren. Und die Professoren treiben den Wandel voran.

Zum Beispiel Karsten Nebe. Der 43-Jährige ist Professor für Usability Engineering und Direktor des Fab- labs, einer Art offener Werkstatt für moderne Produktionsverfahren, die Firmen in der Region dort testen können. Besonders der Mittelstand nutzt das Angebot. „Das, was wir derzeit als Digitalisierung bezeichnen, ist eine riesige Chance für alle, ein gigantischer Transformationsprozess, der gerade passiert“, sagt Nebe. Nur, was davon passiert überhaupt in Deutschland? Welchen Einfluss hat man hierzulande auf den Wandel, wo doch immer das Stichwort Silicion Valley fällt, wenn es um die großen Erfindungen im Internet-Zeitalter geht?

Apple, Facebook, Amazon, Google – die Weltkonzerne haben in der Wüste von Kalifornien ihre Basis aufgebaut, nicht in Köln oder Düsseldorf. „Man kann nicht leugnen, dass die Amerikaner im Dienstleistungsbereich einen großen Vorsprung haben.

Dort herrscht eine andere Gründerkultur“, sagt Timo Kahl, der an der Hochschule Rhein Waal im Bereich Wirtschaftsinformatik forscht und lehrt. „Aber wir müssen uns hierzulande nicht verstecken, im Maschinenbau und Ingenieurwesen sind wir auch digital hervorragend aufgestellt.“

Dass es Grund zur Sorge gibt über anstehende Veränderungen, glauben die Professoren indes nicht. „Viele der Ängste, die gegen die Digitalisierung gehegt werden, entstehen aus Unwissen“, sagt Ulrich Greveler vom Fachbereich Angewandte Informatik, der sich mit den Risiken der Digitalisierung beschäftigt. „Es gibt aber natürlich auch echte Gefahren“, sagt er.

So sei die Sicherheit von IT-Systemen unglaublich wichtig – gibt es einen Hack, einen Angriff auf die Infrastruktur des Netzes, könnte das massive Schäden verursachen. „Auch über die Datensicherheit müssen wir uns Gedanken machen, damit Privatsphäre kein Luxusgut wird wie beispielsweise in China.“ Und was ist mit dem Arbeitsmarkt? Werden Roboter den Leuten tatsächlich die Arbeit wegnehmen? „Das kann niemand prognostizieren“, sagt Greveler. „Es werden Jobs wegfallen, es werden neue Jobs entstehen, nur den Saldo, den kennt bisher niemand.“ Berufe, mit menschlicher Nähe, zum Beispiel in der Pflege oder Bildung, seien kaum gefährdet, im Gegenteil: In der digitalisierten Welt sei der Kontakt zu echten Menschen viel wert.

Schwierigkeiten sehen die Forscher darin, wie die Politik derzeit über die Digitalisierung spricht. „Das Thema ist zu einem Schlagwort verkommen, eigentlich ist gar nicht mehr klar, was damit überhaupt gemeint ist“, sagt Nebe. In der Tiefe passiere zu wenig, einen richtigen Zukunftsplan gebe es nicht. „Man muss sich klar machen, es gibt Städte in NRW, da wird der Verkehr noch mit Stift und Papier gezählt. Da wissen wir, was für ein dickes Brett das Thema für die Politik ist“, sagt Greveler.

Für die Zukunft sind aber alle drei optimistisch. „Die Digitalisierung wird unsere Lebensqualität steigern, ohne Frage. Aber es werden auch neue Probleme entstehen, die wir heute noch nicht kennen“, sagt Kahl. Und Nebe ergänzt: „Es wird sich auch nicht alles verändern.“

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