Moers: Wichtig ist der Spannungsbogen

Moers: Wichtig ist der Spannungsbogen

Den Siddi aus Indien fehlte plötzlich der entscheidende Stempel im Visum. Die Madimba-Spieler aus dem Kongo reisen verspätet an. Am Montag wollen sie auf dem Moers Festival zeigen, dass Musik eine Weltsprache ist. Willkommen im Last-Minute-Moerslabor!

Eben war das noch ein ziemlich nüchterner Volkshochschul-Keller. Nun brummt es oszillierend aus der Elektronik von Achim Zepezauer. Biswajit Roy legt mit den Tablas den Rhythmus darunter. Sourendro Mullick lässt das Piano perlen. Soumyojit Das am Mikrofon und Julia Brüssel an der Geige sorgen für Melodie und Gesang. Und schon braut das Moerslabor ein neues Klang-Aphrodisiakum zusammen.

Noch fehlt der Cellist Ludger Schmidt, weil er das blöde Handy verloren hat. Und die Siddi, jene Vertreter einer kleinen afro-indischen Minderheit aus dem Grenzgebiet zwischen Indien und Pakistan, hängen aufgrund von Visa-Problemen noch völlig zwischen Wolken. Doch schon jetzt, bei diesem Probenbesuch wird klar: Wenn sie es alle gemeinsam schaffen, diesen Geist genau so auf die Bühne zu bringen, wird das am kommenden Montag (18.19 Uhr, Enni-Eventhalle) mehr als bloß ein weiteres Ethno-Gedudel.

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Denn mal ganz ehrlich: Dafür ist Tim Isfort, künstlerischer Leiter des Moers Festivals, nicht bis nach Indien geflogen und hat sich vor Ort durchgefragt. Irgendwann, nach vielen, vielen Autostunden kamen die Reisenden aus Moers tatsächlich bei den Siddi an. Ihre Vorfahren kamen als Sklaven, Händler, Abenteurer im siebten Jahrhundert nach Indien. Heute gehen sie den Weg einer Minderheit: achten auf der einen Seite darauf, dass sie ihre afrikanischen Traditionen bewahren und haben ein Bein im modernen Indien. "Wir möchten hier etwas zusammen entstehen lassen - aber natürlich soll zugleich jeder seine Musik zeigen", sagt Pianist Sourendro Mullick. "Vom Hin und Zurück und dem Dazwischen" ist die "Siddi Traces"-Seite überschrieben. Das sollte eigentlich das Suchen und Finden der Musik und ihrer Musiker beschreiben. Es gilt aber auch für die im Vergleich zum Anspruch wenigen Stunden, die die Musiker tatsächlich versuchen, miteinander in Takt und Klang zu kommen. Immerhin haben Sourendro und Soumyojit, die beiden Kosmopoliten aus Kalkutta, die Indien-Reise der Moerser-Festivalmacher begleitet. Sie ahnen also wenigstens, wie es sein wird, wenn dann alle erst einmal beieinander sind. Das gilt noch nicht für Maria Schneider, Daniel Eichholz und Bernd Oezsevim. Die drei Musiker aus Berlin warten noch auf ihre klingende Hälfte, damit aus dem Zusammenspiel die "Marimba-Madimba-Conference" wird. Ist die Improvisation in letzter Minute, die Abwesenheit von gemeinsamen Probenminuten vielleicht sogar von Vorteil? Da gehen die Meinungen auseinander. Daniel Eichholz ist oft mit den Berliner Symphonikern unterwegs. Da wird geprobt, bis alles passt - und gehen die Proben erst richtig los. Also nimmt er sein Moers-Debut als Kontrapunkt: "Ich finde es gut, wenn vieles aus dem Augenblick entsteht." Dann müsse man sich als Musiker völlig konzentrieren. Es gibt nur den einen Versuch, und der muss klingen. "Das ist keine schlechte Ausgangsposition." Maria Schneider jedoch hätte gern mehr mit den Musiker aus Mittelafrika geprobt. Natürlich komme man auf der Bühne mit Gesten und Mimik miteinander zurecht, keine Frage. Aber zu wissen, wo Anfang und Ende sind, hat auch so seine Vorteile, findet sie.

Bernd Oezsevim sorgt sich um das Gesamtkunstwerk "Siddi Traces": "Wir Madimbas werden beginnen. Soviel ist klar." Aber wer kommt wann dazu, wer zieht sich zurück - das gilt es eigentlich nun festzulegen. "Der Spannungsbogen muss stimmen."

(RP)