Unsere Woche: Wer einen Stolperstein beschmiert, beschmiert uns alle

Unsere Woche : Wer einen Stolperstein beschmiert, beschmiert uns alle

Wer ein Leben rettet,

rettet die ganze Welt" (Mischna)

Im Originaltext, der Mischna 4:5 oder dem Babylonischen Talmud 37a, heißt es zwar: "Wer einen Sohn Israels rettet, rettet die ganze Welt", oder, in anderen Übersetzungen "Wer eine israelitische Seele rettet, rettet die ganze Welt", aber Hollywood hatte den Sinngehalt des Talmuds auf Popcorngröße umgestrickt, weil es bei Oskar Schindler in "Schindlers Liste" so schön klang. Egal, das Gefühl, Dinge im Kleinen zu schaffen, um das Große zu bauen, erinnert immer wieder an unsere Verantwortung im Alltag. Die Täter, die in der Nacht zu Mittwoch die erst einen Tag vorher verlegten Stolpersteine auf Moerser Straßen beschmierten und drumherum kurzerhand mal ordentlich randalierten, haben das anscheinend anders verstanden: Wer einen Stolperstein beschmiert, beschmiert nicht nur alle Juden, Euthanasie-Opfer, Sinti, Roma, Homosexuelle. Er beschmiert auch alle, die sich zur Verantwortung bekennen, welche mit den kupferfarbenen Steine ebenso dokumentiert wird. Das scheint aber leider genau so gewollt zu sein, denn die nächtliche Aktion an gleich zwei Straßen und drei Steinen ist nicht einfach mal so auf dem Nachhauseweg entstanden. Kein Dumme-Jungen-Streich, der nur provozieren und nicht mehr will. Die Täter müssen geradezu darauf gewartet haben, dass die Stolpersteine liegen, um sie ein paar Stunden später zu beschädigen.

"Wir haben in Moers keine straff organisierten Neonazis", sagt Bernhard Schmidt vom Verein "Erinnern für die Zukunft". In der Stadt sei in den vergangenen Jahren viel "gegen Rechts" passiert. Das ist richtig, doch rechtsradikale Umtriebe hat es in Moers und Umgebung seit den 1990er-Jahren gegeben. Noch heute tauchen zum Beispiel in Kamp-Lintfort immer mal wieder rechtsextreme Aufkleber an vielen Ecken im Stadtgebiet auf. Über Jahre konnte man auch in Moers durchaus beobachten, wie der richtige Ansatz im Jugendstrafrecht der eher erzieherischen als strafenden Justiz auch zu absurden Situationen führen kann. Immer wieder schien man zu verdrängen, dass eine Strafe nach mehreren Taten auch mal wirksamer ist als nur eine Ermahnung. uwe.reimann@rheinische-post.de

(RP)