Serie Auf Der Flucht: Wenn nur ein Blatt Schreckliches erzählt

Serie Auf Der Flucht: Wenn nur ein Blatt Schreckliches erzählt

Mitglieder des Vereins "Neue Geschichte im Alten Landratsamt" erzählen in ihrer ersten gemeinsamen Ausstellung im Grafschafter Museum die Schicksale von Moersern, die vor dem Nazi-Terror geflüchtet waren - wie Günther Bähr.

Moers Hans-Helmut Eickschen hat sich auf die Spuren von Günther Bähr gemacht. "Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das erste Mal auf sein Schicksal aufmerksam wurde", sagt er. Als Mitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit beschäftigt er sich seit Mitte der 1980er Jahre mit dem Schicksal der Moerser Juden. "Das Elternhaus von Günther Bähr lag auf meinem Schulweg. Wir waren beide Adolfiner", erzählt Eickschen. Persönlich begegnet sind sie sich nie: "Er war zwölf Jahre älter als ich und musste 1938 das Gymnasium ohne Schulabschluss verlassen. Ein Erlass verbot jüdischen Schülern den Besuch von deutschen Schulen."

Günther Bähr war eines der vielen Todesopfer des Nazi-Regimes. Der junge Mann starb vier Tage vor seinem 23. Geburtstag. Er wurde am 25. Februar 1922 als einziges Kind der Eheleute Dr. Hermann Bähr und Helene Bähr, geb. Haas, in Moers geboren. Die Familie wohnte an der Kirchstraße. Der Vater praktizierte als Arzt und war der letzte Vorsteher der einstigen jüdischen Gemeinde in Moers. "Das Haus der Familie existiert nicht mehr. Dort mündet heute die Oberwallstraße in die Kreuzung an der Trotzburg", berichtet Hans-Helmut Eickschen.

Für die Ausstellung "Flucht vom Niederrhein" im Grafschafter Museum hat er die Stationen im kurzen Leben Bährs dokumentiert. Es ist die erste Ausstellung des vor zwei Jahren gegründeten Vereins "Neue Geschichte im Alten Landratsamt", der von neun Moerser Vereinen und Initiativen getragen wird. Sie haben das gemeinsame Ziel, im Landratsamt ein Museum einzurichten, das die wechselvolle Demokratiegeschichte im 20. Jahrhundert erzählt. Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ist Gründungsmitglied. Hans-Helmut Eickschen hat die Recherche über Günther Bähr sehr bewegt. "Man ist plötzlich ganz nah dran", sagt Eickschen. Vor etwa zehn Jahren erreichte ihn ein Brief aus Michigan, der neue Informationen über den Verbleib Bährs bot, nachdem er Moers verlassen hatte. Der Absender, Hermann Weiss, berichtete, dass der junge Bähr 1940 im Jüdischen Gymnasium in Berlin doch noch das Abitur gemacht hatte. Hermann Weiß hatte das Buch "Buschvorwerk im Riesengebirge" geschrieben.

Und so fügte sich Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen ein Bild zusammen. Bähr, der zunächst die jüdische Volksschule in Moers besucht hatte, sah laut Eickschen nach seinem Ausschluss am Adolfinum keine Perspektive mehr für sich in Deutschland. "Er setzte seine Hoffnungen auf eine Ausreise nach Palästina. In der Hachschara-Stätte in Ahrensdorf in Brandenburg absolvierte er eine Ausbildung, die ihn auf ein Leben dort vorbereiten sollte", erläutert Eickschen. Doch zu einer Ausreise kam es nicht. Die Nazis lösten 1941 das Landwerk Ahrensdorf auf, Bähr kam in ein Sammellager bei Neuendorf im Sande.

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Im April 1943 wurde Bähr dort mit 275 weiteren Jugendlichen nach Auschwitz deportiert. "Bisher ging es um Flucht, ab jetzt ging es ums Überleben", sagt Eickschen. Günther Bähr wurde zur Zwangsarbeit in der Buna-Produktion der IG Farben in Auschwitz-Monowitz eingesetzt. "Als sich im Januar 1945 die Rote Armee Auschwitz näherte, trieben Angehörige der SS die Häftlinge am 18. Januar zu einem Todesmarsch in Richtung Westen. Bei Landeshut in Schlesien sperrten die Bewacher die Gefangenen in einen Stollen. In der Nacht vom 20. auf den 21. Februar 1945 erstickten viele der Gefangenen in den Stollen oder wurden bei der entstehenden Panik erdrückt." Darüber berichtet auch das Grafschafter Museum auf den Ausstellungstafeln.

Überliefert sind die Geschehnisse in dieser Nacht durch Mithäftlinge, die überlebt hatten. Hans-Helmut Eickschen fand im Laufe der Jahre einige Dokumente, zum Beispiel ein Gruppenfoto, das Bähr im Kreise junger Leute zeigt. Aber auch eine Krankenakte, in der sich sein Name wiederfindet. "Entlassen heißt es in der Bemerkung - aber nicht in die Freiheit, sondern zurück ins Arbeitslager", weiß Eickschen, ehemaliger Chef der Moerser Stadtwerke, und fügt nachdenklich hinzu: "So beginnt ein banales Blatt plötzlich Schreckliches zu erzählen."

Durch Zufall entdeckte er auch Bährs Abiturzeugnis. "Wenn man einmal zu suchen beginnt, findet man immer mehr", sagt er. Er bemühte sich, dieses Dokument nach Moers zu holen. Es ist in der Sonderausstellung zu sehen. "Da halten sie plötzlich Originaldokumente in der Hand", sagt der Moers. Stolpersteine am Eingang des Rathauses, dort wo das Haus der Familie Bähr bis zu seiner Zerstörung stand, erinnern heute an das Schicksal von Günther Bähr und seinen Eltern.

Die Ausstellung "Flucht vom Niederrhein" im Grafschafter Museum läuft bis zum 11. März.

(RP)
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