Moers: Wenn der Jackpot niemals klingelt

Moers: Wenn der Jackpot niemals klingelt

Jedes Jahr landen mehrere Tausend Euro in den Münzschlitzen der Moerser Spielhallen. Die Chancen auf den großen Gewinn sind vernichtend gering. Doch die Versuchung ist groß. Ein Besuch in der bunten Automaten-Welt.

Der Abend, an dem Tina* alles verliert, beginnt mit "Take On Me" von A-ha. Es ist, als wolle der Spielautomat sie herausfordern: Nimm es mit mir auf! Die Frau steckt eine Münze ein, die Glücksmaschine blinkt und macht jetzt Geräusche wie die Computerspiele der 1980er: Bing, Ding, Düdelü. Heute haben sie alle Touchscreens, aber sonst ist Zocken in der Spielhalle so, wie es immer war. Retro-Sound im Neon-Schein und dazwischen: der Jackpot. Doch das trügt. Moers ist nicht Las Vegas, und wer hier spielt, mag Spaß haben, aber das große Geld wartet nicht. Tina wählt ein Spiel. Das Duell geht los.

19 Uhr, draußen sind es 20 Grad, man gönnt sich das erste Eis. Moers hat Feierabend. In der Merkur-Spielothek an der Homberger Straße herrscht Hochbetrieb. Insgesamt 27 Spielhallen gibt es in der Stadt, viele davon hier in Bahnhofsnähe. Das könnte sich bald ändern. Der seit Dezember geltende Glücksspielstaatsvertrag sieht einen Mindestabstand von 350 Meter zwischen zwei Spielhallen vor, zudem dürfen in der Nähe keine Kindergärten und Schulen liegen. Geht es nach der Landesregierung, müssten in Moers bald einige Spielhallen schließen. Laut Stadtverwaltung betrifft das Gesetz zwei Drittel der Standorte. Wer dicht machen muss, darüber will die Stadt bis Ende des Jahres entscheiden.

An diesem Mittwochabend geht in der Merkur-Spielothek, dem Casino mit der lachenden Sonne, nichts mehr. Der Laden ist voll, die Automaten alle belegt. Studenten, Väter, Senioren, alle wollen gewinnen. 144 Quadratmeter fasst die Halle, zwölf für jeden Automaten, die höchstens im Doppelpack nebeneinander stehen dürfen, so steht es im Gesetz. Die Fenster sind mit blickdichter Folie beklebt, die Versuchung darf nicht zu groß sein, für Kinder und Jugendliche schon mal gar nicht. In der Spielothek klimpern Münzen, ständig hört man, wie irgendwo jemand auf die bunten Buttons tippt. Klick, Klick, Klick. Immer wieder.

Jeder Automat hat mehr als 300 Spiele. Die meisten unterscheiden sich nur optisch, das Prinzip ist immer das selbe: Auf drei Walzen laufen Früchte, Zahlen und Tiere, eine Runde kostet zwischen 20 Cent und zwei Euro. Drückt der Spieler eine Taste, stoppt das Spiel. Sind dann mehrere gleiche Symbole in einer Reihe, gewinnt man - je nach Einsatz bis zu mehrere hundert Euro.

Tina, eine Frau im Rentenalter, rote Bluse, blondes Haar, sitzt in einem der schwarzen Lederstühle. Sie hat ein Wasser auf Eis bestellt und spielt gleich an zwei Geräten. Insgesamt 30 Euro hat sie reingeworfen, mehr will sie heute nicht verzocken. "Wenn das weg ist, ist es eben weg", sagt sie. Tina spielt regelmäßig, auch bei Merkur, meistens am Abend. "Ich bin nur zum Abschalten hier. Das Spielen hat seine eigene Faszination." Was Großes hat sie bisher noch nicht gewonnen. "Ein Hunderter, ja, aber mehr hatte ich noch nicht", sagt sie und nippt an ihrem Wasser. Bier und Cocktails gibt es nicht, dafür Latte Macchiato, Red Bull und Gemüsechips. Denn wer im Rausch ist, darf nicht zocken.

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An der Bar steht Mike Schlebusch, seit anderthalb Jahren arbeitet er hier im Rundum-Service, zuständig für Getränke, Snacks und die Automaten. Gibt es ein Problem mit einem Gerät, ist er da. Ist eins leer gewonnen, füllt er Münzen nach. Geld hat das Casino immer. "Trotzdem, kann man bei uns nicht einfach Gas geben", sagt Schlebusch. Auch das regelt der Staat. Pro Stunde nimmt jeder Automat höchstens 80 Euro und kann maximal 500 Euro auszahlen. Pleite gehen kann man so zwar trotzdem, es dauert eben nur etwas länger.

"Wir passen auf, dass hier niemand zu lange sitzt und zockt", sagt Linda Pyttlik-Sigmeth, die Chefin der Filiale. Es gebe zwar Leute, die immer wieder kommen, das meiste sei aber Laufkundschaft. Süchtige begegnen ihr kaum - und wenn, vermittelt sie Beratungsangebote. "Es sind ja keine Wahnsinnigen hier unterwegs. Ein Casino ist nicht der dunkle verrauchte Keller, wie man es sich vielleicht vorstellt."

Seit 2006 leitet Pyttlik-Sigmeth die Spielhalle an der Homberger Straße und hatte schon alle Schichten der Gesellschaft am Automaten sitzen. Arme und Reiche, Mittelständler und Millionäre, Rentner und Azubis. "Das macht den Job aus: der soziale Kontakt. Man lernt so viele unterschiedliche Menschen kennen".

Tina ist kurz vor dem Ende. Auf ihrem Punktekonto ist kaum mehr was übrig. Fünf Euro hat sie noch. "Heute läuft es einfach nicht", sagt sie, während auf dem Bildschirm Wölfe und Indianerpfähle rotieren. Ob man gewinnt oder nicht, entscheidet der Zufall, nichts anderes. "Es gibt keine Möglichkeit, den Ausgang einer Runde zu beeinflussen", sagt Schlebusch, obwohl er immer wieder Leute beobachtet, die glauben, den Button am Automat genau im richtigen Moment drücken zu müssen. "Es gibt auch Kunden, die besonders fest oder schnell klicken. Aber das ändert alles nichts." Und tatsächlich scheint jeder an diesem Abend eine eigene Strategie zu haben. Tina drückt abwechselnd an zwei Automaten, eine junge Frau hinter ihr hat das Gerät auf Automatik gestellt und lässt den Computer zocken und der Mann am Eingang knetet den Button in einem Tempo, als wolle er jemanden reanimieren.

Um halb neun ist Schichtwechsel. Die meisten, die nach Feierabend kamen, gehen jetzt nach Hause und machen Platz für die nächsten Zocker. Etwa für Tim*, 21 Jahre, der heute 20 Euro dabei hat und sofort sagt: "Ich weiß, dass die gleich weg sind. Aber es macht Spaß, ein bisschen zu hoffen." Auch Tina ist fertig. Ihre 30 Euro sind weg, aber sie lacht. "Ach, es läuft mal so und mal so", sagt sie. Ob sie wieder kommt? "Na klar". Denn dann will sie gewinnen. Irgendwann.

(atrie)