Moers: Was Zeugnisse heute noch bedeuten

Moers : Was Zeugnisse heute noch bedeuten

Schüler aller Schulformen bekommen heute ihre Zeugnisse und damit eine direkte Rückmeldung über die Leistungen, die sie in der Schule erbracht haben. Ein schlechtes Zeugnis allein habe nur eine begrenzte Aussagekraft, sagen Experten.

Lars Mühlen hat den meisten Schülern in Moers zurzeit etwas voraus. Der Absolvent des Gymnasiums in den Filder Benden hat vor Kurzem sein Abitur bestanden. Auch sein Zeugnis mit der Durchschnittsnote 1,8 hat er bereits am vergangenen Samstag bekommen.

Heute erhalten dann auch die Schüler ihr Zeugnis, die in diesem Jahr nicht das Abitur gemacht haben. Für sie ist der Tag der Zeugnisvergabe ein besonderer Tag, das weiß auch Hans Jürgen Hucks. Er leitet seit 15 Jahren das Grafschafter Gymnasium. Lehrer ist er inzwischen seit 34 Jahren für die Fächer Deutsch und Philosophie. "Zeugnisse sind sehr wichtig, weil sie den Leistungsstand eines Schülers beschreiben und Rückmeldung darüber geben, wo Stärken und Schwächen eines Schülers liegen", sagt Hucks.

"Die Noten auf dem Zeugnis sind über eine Schülerkarriere hinweg gesehen aber nur eine Momentaufnahme", sagt Hans van Stephoudt, Schulleiter des Adolfinum-Gymnasiums. Dementsprechend sei auch ein schlechtes Zeugnis noch kein Beinbruch. "Es gibt Schüler, denen ein schlechtes Zeugnis zeigt, dass sie an ihrer Leistungsbereitschaft etwas ändern müssen", erklärt Hans Jürgen Hucks.

Einer dieser Schüler ist Lars Mühlen, der irgendwann im Fach Latein bis auf eine Fünf abrutschte. "Ich habe danach die ganzen Sommerferien wie verrückt gelernt, um mich zu verbessern. Im Jahr danach bin ich mit einer Eins gestartet und habe das Niveau über das Jahr gehalten", sagt Mühlen.

Ein so gutes Ende wie in seinem Fall ist aber nicht selbstverständlich. Nicht jeder Schüler reagiert auf schlechte Zensuren mit Fleiß. Erst recht nicht, wenn das ganze Zeugnis voll davon ist. "Wie Schüler mit schlechten Noten umgehen, ist sehr individuell", sagt van Stephoudt. Das liegt an den unterschiedlichen individuellen Voraussetzungen: Misserfolgsorientierte Schüler resignieren eher vor schlechten Noten, Erfolgsorientierte glauben beharrlich an die Chance, sich verbessern zu können. Hans Jürgen Hucks vermutet, dass sich das Verhältnis dieser Schülergruppen "ungefähr die Waage hält." Beispiele für Schüler, die nach einem schlechten Zeugnis eine regelrechte Leistungsexplosion erlebten, gebe es aber genug, sagt Hucks. Viele davon machten am Ende das Abitur.

"Von allen Zeugnissen hat natürlich das Abitur besondere Bedeutung", findet van Stephoudt. Vielleicht müsste man ergänzen: generell Abschlusszeugnisse. Denn mit ihnen bewerben sich Schüler für ihre spätere Laufbahn. Als Beispiel nennt van Stephoudt Studiengänge, die mit einem Numerus clausus belegt sind. "Auch bei Ausbildungsberufen wird der Schnitt meist abgefragt", so der Schulleiter des Adolfinum-Gymnasiums.

Genau diese Situation kennt auch Abiturient Lars Mühlen, der bald mit dem Medizinstudium beginnen möchte. Eingangsvoraussetzung ist dafür an den meisten Universitäten ein Abi-Notendurchschnitt, der nicht schlechter als 1,2 ist. Mit seinem immer noch exzellenten Schnitt von 1,8 wird Mühlen vor seinem Studienantritt wohl einige Semester warten müssen, obwohl er sich in der Schule früh "voll reingekniet" hat, um den Schnitt zu erreichen, der ohne Wartezeit zum Eintritt in das Medizinstudium reicht.

Experten üben genau hier Kritik am deutschen Notensystem. Frank Kröner, Leiter der regionalen Schulberatungsstelle im Kreis Wesel, der auch für Moers zuständig ist, gibt leise zu bedenken: "Die Noten sagen oft nichts darüber aus, wie sehr sich ein Schüler bemüht hat. Aus psychologischer Sicht wäre es vielleicht günstiger, individuelle Bewertungen zu schreiben."

(RP)
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